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Mindset, Skills und Kreativität prägen die Hauptstadt

Wird Berlin zur Blockchain-Welthauptstadt?

| Autor/ Redakteur: Paul Gärtner / Peter Schmitz

Im Sommer fand die Blockchain Week Berlin statt. Vom 18. bis zum 29. August stellte die Hauptstadt unter Beweis, wieso das Herz der internationalen Blockchain Szene an der Spree schlägt. Die Experten sind sich einig, Berlin ist bereits die Blockchain-Hauptstadt Europas. Gerade die Talente bringen die Branche nach vorne, zeigt sich aus dem Blockchain Panel von BerChain in der Factory Berlin. Kann Berlin zum globalen Blockchain-Hub heranwachsen?

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BerChain widmet sich explizit der Förderung und der Schaffung von Synergien bei Berliner Blockchain-Unternehmen.
BerChain widmet sich explizit der Förderung und der Schaffung von Synergien bei Berliner Blockchain-Unternehmen.
(Bild: Paul Gärtner)

Hunderte Blockchain-Unternehmen wurden seit 2013 in der Bundeshauptstadt gegründet. Acceleratoren, Konzerne, Coworking-Spaces und Investoren tummeln sich an der Spree – die optimalen Grundvoraussetzungen für Start-ups. BerChain brachte vier Experten aus dem Berliner Ökosystem zusammen, um über dessen Aufstiegspotential zu diskutieren.

Wo sind die Chancen für das Berliner Blockchain Ökosystem?

Jasmine Zhang ist CEO von Longhash Deutschland, einem Investment- und Inkubationsunternehmen, das von zwei führenden Krypto-VCs in Asien unterstützt wird: Fenbushi Capital und Hashkey Capital. Sie brachte ihr Startup ganz bewusst nach Berlin. Neben den Niederlassungen in Singapur, Hongkong, Shanghai und Tokio ist es die einzige Residenz im europäischen Raum. Sie sagt, es seien besonders die Talente, Potentiale und kreativen Projekte, die Berlin auch für Investoren attraktiv machten. Zudem seien hierzulande viel weniger Investoren im Blockchain-Bereich tätig als im Chinesischen Markt. Auch deswegen sieht Jasmine weiterhin enormes Entwicklungspotential.

Silvan Jongerius - Präsident der BerChain und geschäftsführender Gesellschafter von TechGDPR, ergänzt, dass Blockchain Hotspots wie New York oder London eher investmentgetrieben seien, während in Berlin die wirklichen Use Cases entwickelt würden. Konkret verweist er auf den Umstand, dass Blockchain bisher in der kollektiven Wahrnehmung mit Bitcoin in einen Topf geworfen wurde, doch Blockchain weit darüber hinausgeht. Hier müsse massive Aufklärungsarbeit geleistet werden, ein Ziel, das sich die BerChain gesetzt hat.

Wieso sitzen die Blockchain Talente in Berlin?

Berlin habe viele Vorzüge, erklärt Ricardo Garcia, Head of Partnerships & Blockchain Advisory bei ScanTrust und The GoodChain Foundation. Gemeinsam mit Silvan Jongerius hat er BerChain gegründet. “Doch die Berliner Unternehmen arbeiten viel zu wenig zusammen. Der Austausch bleibt aus.” Deswegen hat sich BerChain zur Aufgabe gemacht, sich explizit der Förderung und der Synergien der Berliner Blockchain Unternehmen zu widmen und so die Blockchain Community zu vernetzen und Aufmerksamkeit für die Thematik zu erregen. Warum sollte man also in Berlin sesshaft werden?

  • 1. Das Berliner Startup Ökosystem bietet den perfekten Nährboden für Innovation. In der Bundeshauptstadt treffen avantgardistische Ideen aufeinander, die sich gegenseitig beleben. Dies zieht kontinuierlich neue Talente an.
  • 2. Verglichen mit anderen Blockchain-Hubs ist das Leben in Berlin relativ günstig. Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren von geringen Unterhaltskosten.
  • 3. In Berlin leben Talente mit Anpacker-Mentalität: Wer etwas bewegen will, der setzt um. Fehler zu machen ist in Ordnung, man findet gemeinsam eine Lösung. Man hat das Gefühl, dass Projekte nicht im Sand verlaufen, sondern die Möglichkeiten ausgeschöpft werden.
  • 4. Alles zentral an einem Ort: Viele Anlaufstellen bieten Auskünfte und ersten Zugang zu Investoren, Acceleratoren, Event- und Coworking Spaces. Das Berliner Ökosystem hält viele Benefits für Startups bereit, die zu einer breit aufgestellten Community zählen, sodass schnell ein Netzwerk mit den richtigen Ansprechpartnern aufgebaut werden kann.
  • 5. Die Stadt lebt von ihrer kulturellen Vielfalt. Berlin ist offen für Menschen jedweder Herkunft. Diversität ist ein starkes Asset des Hubs. Kultur belebt die Projekte, unterschiedliches Know-how bereichert die Prozesse.
  • 6. Die Entwicklerlust zeigt sich auch in den Berliner Blockchain Unternehmen selbst. Sie sind in der Regel nicht finanz- sondern Use Case-getrieben, sodass aus den Ideen tolle Ergebnisse und wertvolle Lösungen entstehen.

Warum ist Berlin so attraktiv für Blockchain Unternehmen?

Arnim Falk Bonow, der neben seiner Position als COO der Factory Berlin in Blockchain Startups investiert, beschreibt das Berliner Ökosystem und die Stadt als besonders offen und attraktiv für internationals, weshalb Initiativen wie BerChain überhaupt entstehen. Ein weiterer Vorteil Berlins liegt in der erfolgreichen E-Commerce Szene, aus der sich viele Leute auf das nächste große Thema stürzen bzw. gestürzt haben.

Silvan Jongerius fügt außerdem hinzu, dass das Berliner Blockchain-Ökosystem erheblich davon profitieren könnte, wenn sich die Unternehmer stärker austauschen würden. BerChain leistet entsprechend massive Aufbauarbeit. Regelmäßige Events, wie beispielsweise Blockbeers bringen die Berliner Szene zusammen. Es können aber auch Nischen erschlossen werden, denn innerhalb der Berliner Blockchain Szene finden sich weitere sehr spezifische Communities: Blockchain Infrastructure, Etherium Community, Fintech, Identity, IoT, AI x Blockchain, Enterprise, Investors, und Blockchain.

Innerhalb der Berliner Blockchain-Szene finden sich einige sehr spezifische Communities.
Innerhalb der Berliner Blockchain-Szene finden sich einige sehr spezifische Communities.
(Bild: BerChain)

Worauf achten Investoren besonders?

Tilo Bonow, Gründer und CEO von Piabo, einer PR-Agentur für die Digitalwirtschaft und seit deren Beginn am Nukleus der Berliner Startup Szene, rät Blockchain Startups dazu, sich darauf spezialisierte Investoren zu suchen, um von deren Netzwerk bestmöglich zu profitieren. Gleichzeitig rät der Kommunikationsexperte, dass eine emotionale und klare Geschichte hinter den Gründern zur Vertrauensbildung beiträgt. Auch Investoren sind nicht nur an Produkten, sondern an Menschen interessiert. Dies könnte der essenzielle Unterschied zu Wettbewerbern sein.

Arnim Falk Bonow ergänzt seinen Namensvetter, dass hierzulande besonders regulatorische und steuerliche Stolpersteine zu beachten sind. Das sollte auch immer bei der Gestaltung von Finanzierungen berücksichtigt werden.

Wie sieht ein greifbarer Blockchain Use Case aus?

Einen solchen Use Case hat ZkSystems im Bereich Equipment-as-a-Service entwickelt. Relevante Maschinennutzungsdaten in der Produktion werden dabei für den jeweiligen Stakeholder über die Blockchain zur Verfügung gestellt. Damit wird die Bezahlung der industriellen Maschinen auf der Pay-per-Use-Basis abgewickelt. Das ermöglicht den Maschinenhersteller flexible Zahlungen für Maschinennutzer anzubieten, die Ihren Cash Flow optimieren möchten.

Das Berliner Jungunternehmen um Amine Ünal und Diana Rees realisiert Projekte mit Bosch und Siemens und hat SAP, Oracle und Sopra Steria als Partner gewonnen. Doch die Kooperation zwischen Blockchain-Startups und Corporates erfordert verständliche Business-Konzepte, bestätigt Pavel Romanenko, Head of Marketing and Partnerships. Damit die Blockchain-Technologie über erste Experimente hinauswächst und Ihren Weg in die Konzerne findet, muss eine klare Business-Relevanz der Blockchain-Lösung vorhanden sein. Darüber hinaus geht es bei Blockchain oft um Geschäftsmodelle, die zwischen mehreren Parteien wirken sollen (z.B.: Kunden, Finanzinstitute, Serviceunternehmen). Solche Geschäftsmodelle erfordern einen Konsens mehrerer Entscheidungsträger.

Pavel rät Startups zu Durchhaltevermögen. Solche Rollouts könnten seitens des Konzerns viel Zeit erfordern. Wichtig sei darüber hinaus eine verständliche Lösung anzubieten, die die KMU verstehen. Denn entgegen des Rufs, die Digitalisierung verschlafen zu haben, sehen kleine und mittelständische Unternehmen oft einen großen Wettbewerbsvorteil in der Nutzung innovativer Technologie.

Zwei essentielle Tipps, die er Gründern mit auf den Weg gibt, sind

  • 1. einerseits aktiv auf die Innovation Manager von Corporates zuzugehen, um so an Pilotprojekte zu kommen und
  • 2. keine Scheu vor Großunternehmen zu haben, da viele Unternehmen insbesondere von Blockchain-Gründern lernen wollen.

Hat Berlin das Potential zur Blockchain Welthauptstadt?

Der Facettenreichtum der Blockchain-basierten Lösungen in der Berliner Region ist enorm hoch, viele Märkte werden angesprochen. Berlin entwickelt sich kontinuierlich: Zunächst war sie jahrelang die Hauptstadt des E-Commerce, danach kam der IoT-Hype. Mit Blockchain erlebt Berlin den zweiten Deeptech-Trend. Dies nur zu erkennen reicht aber nicht. Es braucht Initiativen wie BerChain, um die Bewegung voranzutreiben – sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene. Berlin sei eine extrem interessante Stadt, eine einzige Blockchain Hauptstadt solle es allerdings nicht sein und das sei auch gut so, erklärt Romanenko. Für eine dezentrale Lösung wäre das der falsche Approach.

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