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Digitaler Versorgermarkt Verdrängt die Blockchain klassische Energieversorger?

| Autor / Redakteur: Dipl. Betriebswirt Otto Geißler / Peter Schmitz

Die Blockchain ist mit zahlreichen Pilotprojekten wie zum Beispiel im Bereich Stromhandel oder Anlagensteuerung im Energiemarkt angekommen. Durch die damit einhergehende Digitalisierung des Energiesystems könnte sie angestammte Strukturen und Player radikal verändern.

Gemäß dem Ergebnis der Studie „Blockchain in der integrierten Energiewende“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) kann die Blockchain-Technologie in vielen Bereichen der Energiewirtschaft Mehrwerte für Unternehmen und Verbraucher bieten.
Gemäß dem Ergebnis der Studie „Blockchain in der integrierten Energiewende“ der Deutschen Energie-Agentur (dena) kann die Blockchain-Technologie in vielen Bereichen der Energiewirtschaft Mehrwerte für Unternehmen und Verbraucher bieten.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Die Energiewirtschaft wird zusehends dezentraler, vernetzter und komplexer. Die Transaktionstechnologie der Blockchain kann diese Entwicklungen weiter vorantreiben und dadurch neue Geschäftsmodelle und Innovationen im Versorgermarkt ermöglichen. Eine Umfrage der Deutschen Energie-Agentur (dena) und der European School of Management and Technology (ESMT Berlin) ergab, dass 50 Prozent der Teilnehmer bereits mit einer Blockchain in Pilotprojekten arbeiten oder dies zumindest vorhaben.

Optimierung von Prozessen und neue Geschäftsmodelle

Wobei insbesondere die Einsatzbereiche der Prozessoptimierung sowie die Organisation von Plattformen (z. B. für den direkten Stromhandel zwischen Besitzern von Photovoltaik- oder Biogasanlagen und Verbrauchern) im Vordergrund stehen. Die Optimierung der Prozesse könnte beispielsweise die Selbstorganisation des Strommarktes über „Smart Meter“ (Stromzähler, die digitale Daten empfangen und senden) in Kombination mit einer Blockchain sein.

Mit diese „Smart Meter“ lässt sich die Stromproduktion dezentraler Anlagen als auch der Verbrauch von Stromabnehmern laufend überwachen. So könnte ein Stromabnehmer mit erhöhtem Bedarf automatisch und direkt bei Produzenten per Blockchain Strom einkaufen. Gleichzeitig sollte die Bedingung voreingestellt sein, dass sich dieser Produzent aus der Region des Käufers befindet. Damit fallen Umwege über Aggregatoren bzw. Börsen weg. Auf längere Sicht sorgt die Blockchain für eine Reduktion der Stromkosten und eine sich selbst organisierende Stromlandschaft aus dezentralen Anlagen.

Für den dena-Projektleiter Philipp Richard ist die Blockchain insbesondere für den Bereich relevant, wo sie neue Prozesse und Geschäftsmodelle ermöglicht, für die bisher noch keine digitalen Lösungen bereitstehen. Ein Beispiel: Digitale Energieverbrauchsdaten von „Smart Meter“ können in Zukunft zunächst auf die Blockchain gespeichert und im Anschluss erst nach einer Bestätigung durch den Kunden weitergegeben werden. Dadurch erhält der Kunde mehr Kontrolle über seine Daten. Der entscheidende Punkt ist dabei, dass die Anzahl der Interaktionen in diesem System nicht nur sehr groß, sondern auch jeweils sehr kleinteilig wäre. Herkömmliche IT-Lösungen könnten damit nur sehr schwer umgehen ...

Klassische Versorger werden überflüssig?

Ein ganz anderer Use Case könnte der Abstimmung von überregionalen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) und regionalen Verteilernetzbetreiber (VNB) dienen. Gegenwärtig ist es auf der Verteilnetzebene nur schwer erkennbar, wie die Nachfrage nach Energie von Aggregatoren durch Anlagen bereitgestellt wird, da die Kommunikation nur direkt zwischen Aggregator und Übertragungsnetzbetreiber stattfindet. Gerade dieses Überspringen des VNB bei Regelenergieabrufe kann zu Engpässen oder Überlastungen führen.

Die Blockchain könnte hier für die notwendige Transparenz sorgen. Indem alle Transaktionen auf allen Knotenpunkten gleichzeitig hinterlegt sind, erkennt auch der VNB, wenn Energie an eine Anlage angefragt wird. So könnte der VNB beispielsweise über ein Interface interagieren bzw. Bedarfsanfragen zur Verteilnetz-Stabilisierung stellen. Dazu gibt es bereits Pilotprojekte wie zum Beispiel Enko in Deutschland und Gridchain in Österreich.

Nach der Meinung von Christoph Burger (ESMT Berlin) wäre die Blockchain dazu in der Lage, das Asset Management von Infrastruktureinrichtungen wie Netzen oder Kraftwerken komplett umkrempeln. Das hieße, die klassischen Versorger mit ihrer Funktion als Koordinator wären damit überflüssig, da mit der Technologie in einer Region oder einem Inselnetz die Erzeugung von Energie und der Verbrauch sich automatisch abgleichen ließen. Denn eine immer größer werdende Gruppe von Haushalten, Landwirten und Industrieunternehmen speisen sich den selbst erzeugten Strom auch selbst ins Netz.

Stärken der Blockchain

Die Beispiele verdeutlichen, dass die Stärken der Transaktionstechnologie nicht nur in neuen Geschäftsfeldern angesiedelt sind, sondern häufig auch in Bereichen, in denen eine Kooperation zwischen Unternehmen automatisiert werden kann. So birgt der Austausch von Transakteuren innerhalb der Energiewirtschaft ebenfalls Potenziale, bei dem die Blockchain effizient genutzt wird, ohne dass hierbei neue Geschäftsfelder oder neue Player entstehen.

Robert Schwarz, Pöyry Management Consulting, teilt die Ansicht, dass sich Energieversorger auch hin zu Applikations- oder Systemanbietern entwickeln könnten, um über Lizenz- und Nutzungsgebühren Umsatzrückgänge aus dem Energieverkauf zu kompensieren. Doch für Richard ist die Blockchain nicht zwingend der einzige Erfolgsweg für die Digitalisierung des Energiesystems. Denn, ob sie in jedem Fall anderen Technologien überlegen ist, hängt nach wie vor von der jeweiligen Anwendung ab. Daher müssen jetzt seiner Meinung nach weitere Anwendungsfelder geschaffen werden, um die Blockchain in der Energiewirtschaft zu erproben. Zu diesem Zweck brachte die dena das Projekt Digi4E auf den Weg, das Entscheider aus Unternehmen und Politik zur Analyse und Entwicklung neuer Lösungen für die Digitalisierung der Energiewirtschaft an einen Tisch bringt.

Die dena-Studie hat unmissverständlich gezeigt, dass der Einsatz der Blockchain in einzelnen Anwendungsfeldern unter wirtschaftlichen, technologischen und regulatorischen Gesichtspunkten einen Mehrwert für Unternehmen verspricht, wenngleich diese Dimensionen immer separat bewertet und gegeneinander abgewogen werden müssen. Das bedeutet, auch wenn ihr Einsatz in einem speziellen Anwendungsfall beispielsweise technisch bereits sehr reif ist, so könnten energie- oder datenrechtliche Hürden den betriebswirtschaftlichen Nutzen reduzieren.

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