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Industrie und Logistik im Umbruch Resiliente Lieferketten dank Blockchain

Autor / Redakteur: Nelson Petracek / Peter Schmitz

Automatisierung und Diversifizierung – so könnte die Antwort der deutschen Industrie auf die Corona-Pandemie lauten. Und der fast schon vergessenen Blockchain neues Leben einhauchen. Der Umbau in Richtung diversifizierter Lieferketten mit einem wachsenden Lieferantenstamm bringt für Industrieunternehmen Herausforderungen mit sich, die sich mit der Blockchain lösen lassen.

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Die Evaluierung der Blockchain ist für Industrieunternehmen eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich aber am Ende lohnen kann.
Die Evaluierung der Blockchain ist für Industrieunternehmen eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich aber am Ende lohnen kann.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Es ist paradox: Die Corona-Pandemie hat die Grenzen der Globalisierung aufgezeigt, obwohl das Virus keine Landesgrenzen kennt und dessen effektive Bekämpfung zu einem erheblichen Teil von einer gut funktionierenden Zusammenarbeit auf globaler Ebene abhängt. Stand jahrelang die Reduzierung der Fertigungstiefe in Hochlohnländern wie Deutschland und damit einhergehend die Auslagerung von Fertigungsschritten in andere Länder und Regionen im Vordergrund, wird uns seit einigen Monaten die Kehrseite davon schmerzlich bewusst: Lieferketten wurden unterbrochen und die Produktion stand still – auch und gerade im medizinisch-pharmazeutischen Bereich. Firmen, die dieser Lehre nicht gefolgt sind, erscheinen demgegenüber geradezu visionär. Mit einer hohen Fertigungstiefe geht Bevorratung einher, der Weiterbetrieb ist dadurch gesichert.

Resilienz vor Effizienz, Sicherheit vor Profitmaximierung scheint eine der Lehren aus der gegenwärtigen Krise zu sein. Folgt auf das Zeitalter der Globalisierung also das der Relokalisierung, der nationalen Grenzen und Märkte? Die Abkehr von Shareholder Value und Rückbesinnung auf den Stakeholder Capitalism – übrigens das zentrale, aber nur wenig beachtete Thema des diesjährigen Weltwirtschaftsforums in Davos? Es wäre wohl zu einfach, das Pendel von einem Extrem in das andere schwingen zu sehen. Denn schon seit Jahren ist die Globalisierung einem Wandel unterworfen, der die Gleichsetzung von Delokalisierung und Margenoptimierung obsolet macht.

Niedriglohnländer bleiben nicht auf ewig Niedriglohnländer, sondern holen auf. Musterbeispiel sind selbstverständlich Osteuropa und China. Das Lohnniveau steigt und die Volkswirtschaften bewegen sich auf der Wertschöpfungsleiter nach oben. Die Teile der Wertschöpfungsketten, die weiterhin auf Handarbeit angewiesen sind, werden deshalb in andere Länder, Regionen und Kontinente verlagert. Umgekehrt werden die Länder, die ihre Rolle als verlängerte Werkbank abgeben, für exportorientierte Unternehmen immer mehr als konsumstarke Märkte interessant, weshalb sich die Verlagerung auch der oberen Sprossen der Wertschöpfungsleiter in diese Märkte lohnt.

Spiegelbildlich dazu nimmt die Automatisierung zu, nicht nur in den traditionellen Hochlohnländern, sondern auch und gerade in den Staaten, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten eine wirtschaftliche Aufholjagd zurückgelegt haben. Wenngleich aber eine höhere Automatisierung eine größere Fertigungstiefe bedeutet, bleiben auch hoch automatisierte Fertigungsstandorte und -länder auf die Lieferung von Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen. Eine Entkopplung von globalen Liefer- und Wertschöpfungsketten ist daher immer nur zu einem gewissen Grad möglich. Dies gilt insbesondere für Länder wie Deutschland, die nur über wenig eigene Rohstoffvorkommen verfügen.

Schließlich übt die Digitalisierung nicht nur auf die Automatisierung, sondern auch auf unsere Arbeitsweise und unser Reiseverhalten einen immer größeren Einfluss aus. Das Verhältnis von Präsenz- und Onlinebesprechungen wird sich ebenso ändern wie das Verhältnis von Büro- zu Heimarbeit. Doch auch dieser Trend – Stichwort Work-Life-Balance – ist älter als die gegenwärtige Pandemie.

Trends konvergieren

Natürlich erhebt diese Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Doch die Corona-Krise hat das Potenzial, dass die genannten Trends konvergieren und sich gegenseitig verstärken. Damit einher geht jedoch nicht das Ende der Globalisierung. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie regionaler wird. Globale Firmen errichten vertikale Wertschöpfungsketten in verschiedenen Regionen. Dies gilt insbesondere für Fertigungsunternehmen. Produziert wird noch mehr als bisher dort, wo auch konsumiert wird. Die schon seit der Finanzkrise 2008 zu beobachtende Automatisierung dürfte sich weiter verstärken und es den Hochlohnländern ermöglichen, Teile der ehemals ausgelagerten Produktion für den lokalen Markt zurückzuholen. Das führt tendenziell zu kürzeren Lieferketten mit einem regional diversifizierten Lieferantenstamm, während die Digitalisierung für eine effiziente wie effektive globale Steuerung dieser regionalen Strukturen sorgt.

Wird damit die in der gegenwärtigen Krise vermisste größere Resilienz erreicht? An die Stelle straff organisierter Wertschöpfungsketten mit einer möglichst geringen Anzahl an Lieferanten und Produktionsstandorten treten regionale Netzwerke an solchen Standorten und Lieferbeziehungen. Aufgrund der steigenden Automatisierung und Digitalisierung arbeiten diese Netzwerke nicht weniger wirtschaftlich. Mehr Lieferanten und global verteilte Produktionskapazitäten erlauben den effizienten Parallelbetrieb von redundanten Wertschöpfungsketten, die füreinander einspringen können, sollte die ein oder andere regionale Kette aus welchen Gründen auch immer – von Naturkatastrophen bis zu Pandemien – vorübergehend nur eingeschränkt funktionieren oder gar ganz ausfallen.

Diversifizierte Liefer- und Wertschöpfungsketten mit einer größeren Anzahl an Lieferanten und Standorten weisen jedoch zweifelsohne eine höhere Komplexität auf – der Preis für mehr Resilienz. Diese Komplexität war ja in der Vergangenheit einer der Gründe dafür, die Lieferstrukturen zu straffen. Gleichzeitig liegt darin eine Chance für eine Technologie, die jüngst kaum noch Schlagzeilen machte: die Blockchain.

Begonnen hat der Blockchain-Hype mit dem Versprechen, die Zahl der Intermediäre zwischen Vertragspartnern, Käufern und Verkäufern einer Wertschöpfungskette zu reduzieren. Gleichzeitig sollten die Transaktionen, Verträge und Zahlungen der übrigen Teilnehmer automatisch verifiziert und vollständig nachvollziehbar werden. Die Anzahl der Unternehmen, die diese Technologie strategisch genutzt haben, ist jedoch immer noch gering. Stattdessen beschäftigte sich die Öffentlichkeit mit der Blase um Bitcoin und andere Kryptowährungen.

Behalten die Spötter also recht, die süffisant behaupten, Blockchain sei eine Lösung, die nach einem Problem suche? Können die Unternehmen ihre Lieferketten nicht auch ohne diese Innovation managen und steuern?

Fakt ist, dass es beim Thema Blockchain weiterhin ungeklärte Fragen gibt. Da sind zum einen Bedenken hinsichtlich der Leistung und Datenmengen, die eine Blockchain erbringen und unterstützen kann. Zum anderen wird es in den meisten Branchen nicht möglich sein, in Blockchain-Netzen komplett ohne Drittpartei auszukommen. Schließlich fordern die verschiedensten Regularien eine ordentliche Governance, die unabhängig von den direkt Beteiligten geprüft und bestätigt wird. Zudem wollen viele Firmen gar nicht die vollständige Transparenz, die eine Blockchain ermöglicht. Denn das erhöht das Risiko, wertvolles geistiges Eigentum preiszugeben.

Zweite Chance für die Blockchain

Fakt ist aber auch, dass der Umbau in Richtung diversifizierter Lieferketten mit einem wachsenden Lieferantenstamm organisatorische wie technische Herausforderungen mit sich bringt. Ein und dasselbe Produkt wird in solchen Lieferketten von einer größeren Anzahl an Lieferanten angeboten als bisher. Neue Stammdaten müssen angelegt und gepflegt werden, neue Schnittstellen sind zu programmieren, interne Bestellnummern einer größeren Anzahl an externen Bestellnummern stets richtig zuzuordnen, damit die Prozesskette weiterhin reibungslos und automatisiert funktioniert.

All das führt zu einem beträchtlichen Mehraufwand für die Unternehmen und die Einkäufer, die wegen der Veränderungen in den Lieferketten von administrativen Tätigkeiten nicht be-, sondern entlastet werden sollten. Denn sie brauchen mehr Zeit für das strategische Lieferantenmanagement und sollten lieber die Zuverlässigkeit und Qualität der Lieferanten prüfen, die günstigsten Verträge, Liefer- und Zahlungsbedingungen, Rabatte und Haftungsregelungen aushandeln sowie deren Einhaltung überwachen.

Automatisierung und Digitalisierung sind die Lösung für dieses Problem. Und die Blockchain-Technologie kann das dafür geeignete Mittel sein. Denn damit lassen sich die operativen Prozesse der Lieferanten­beziehungen automatisieren und gleichzeitig jederzeit nachvollziehen, weil jeder Schritt, jede Transaktion und jede Abweichung von den vorgesehenen Prozessen fälschungssicher und verlustfrei dokumentiert werden. Damit ist die Blockchain insbesondere auch für den Fall interessant und nützlich, dass Unternehmen sich ganz auf das strategische Lieferanten­management konzentrieren und die operativen Prozesse an Dritte auslagern wollen. Denn die Zugriffsrechte der Blockchain lassen sich klar regeln, so dass für jede Lieferung nur beteiligte Unternehmen Einträge in der Blockchain speichern und lesen können. Solche Regeln sind Teil der Governance einer Blockchain und eine regelkonforme automatisierte Abwicklung von Transaktionen senkt nicht nur deren Kosten, sondern schützt auch vor dem Risiko, ungewollt geistiges Eigentum preiszugeben.

Transparenz, Fälschungssicherheit, niedrigere Transaktionskosten, Governance – in komplexen und diversifizierten geschäftlichen Netzwerken können Blockchains einen großen Wertschöpfungsbeitrag leisten. In Lieferketten, die zudem einem starken Umbau unterliegen und komplexer werden, kann ihr Nutzen gerade darin liegen, dass sie Einkaufsabteilungen die Zeit und Ressourcen verschafft, sich weit mehr als bisher um das strategische Lieferanten­management zu kümmern.

Transparente Lieferketten

Ganz nebenbei kann das auch bei künftigen rechtlichen Anforderungen helfen, insbesondere wenn es um die Einfuhr von Rohstoffen geht. So haben die USA schon vor einigen Jahren ihre börsennotierten Unternehmen verpflichtet, ihre Lieferkette für Tantal, Wolfram und Zinn, deren Erzen sowie Gold lückenlos zu dokumentieren. Bald darauf brachte die OECD Leitlinien zur Sorgfaltspflicht der Unternehmen hinsichtlich Lieferketten von Mineralien aus Konflikt- und Hochrisikogebieten heraus.

An den OECD-Vorgaben haben sich wiederum das Europäische Parlament und der Europäische Rat mit ihrem Vorschlag für eine EU-Verordnung „zur Schaffung eines Unionssystems zur Selbstzertifizierung der Erfüllung der Sorgfaltspflicht in der Lieferkette durch verantwortungsvolle Einführer von Zinn, Tantal, Wolfram, deren Erzen und Gold“ von 2014 orientiert. Die Verordnung ist im Juni 2017 in Kraft getreten und verpflichtet die Unternehmen ab dem 1. Januar 2021 zur Einhaltung der umfangreichen Pflichten zu Rückverfolgbarkeit der Lieferketten, zu Risikomanagement, Durchführung von Prüfungen durch Dritte und Offenlegung.

Gerade in Sachen Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette kann die Blockchain für Unternehmen eine interessante Option sein. Um das herauszufinden, sollten sie sie technisch wie wirtschaftlich einer genauen Prüfung unterziehen – wie in jedem anderen IT-Projekt auch.

Kriterien für die Evaluierung

Ein Proof-of-Concept (PoC) gehört genauso zu dieser Evaluierung wie ein Proof-of-Value (PoV). Sicher erfordern diese Verfahren einen gewissen Aufwand, doch ermöglichen sie nicht nur der IT, sondern auch den involvierten Fachabteilungen, Erfahrungen mit dieser Technologie zu sammeln – und darüber hinaus mit den organisatorischen Konsequenzen.

Diese Konsequenzen sind dabei nicht auf das Unternehmen selbst begrenzt. Denn der wirtschaftliche Nutzen einer Blockchain hängt auch von der Zahl der daran beteiligten Firmen ab. Selbstverständlich ist es nicht einfach, ein solches Netzwerk im Rahmen eines Piloten zu simulieren. Aber vielleicht gibt es ein oder zwei Lieferanten, die bereit sind, an dem PoC und PoV mitzuwirken. Das könnte die Aussagekraft der Tests stark erhöhen. Damit ließen sich auch grundsätzlichere Fragen klären, zum Beispiel, ob das Unternehmen überhaupt in der Lage ist, genügend Partner zu finden und zu motivieren, die an dem Netzwerk teilnehmen wollen, oder ob es nicht besser wäre, sich lieber an einem bereits existierenden Netzwerk zu beteiligen.

Ist das Grundsätzliche beantwortet, lassen sich die positiven Netzwerkeffekte, der ROI und die erforderlichen Änderungen oder Anpassungen in den Geschäftsprozessen und vielleicht sogar im Geschäftsmodell realistischer einschätzen. Ferner gewinnt das Regelwerk Kontur, dem das Netzwerk unterworfen werden soll. Zu diesen Regeln gehören etwa Kriterien, die darüber entscheiden, wer als Teilnehmer des Netzwerks in Frage kommt, wie der Prozess vom Antrag bis zur Aufnahme aussieht, wie ein Unternehmen umgekehrt wieder austreten kann, ob sowie welche Belohnungen für regelkonformes Geschäftsgebaren winken und welche Sanktionen bei Verstößen drohen.

Daneben gilt es, eine Vielzahl technischer Kriterien zu berücksichtigen. Neben allgemeinen Fragen wie Skalierbarkeit, Performance, Datenspeicherung, Fehlertoleranz, Sicherheit, unterstützte Programmiersprachen oder Ausfallsicherheit sind Blockchain-spezifischere Punkte zu klären. Dazu gehören unter anderem die Wahl des Konsens­mechanismus, der regelt, wie neue Blöcke in der Blockchain legitimiert werden, oder ob Smart Contracts implementiert werden sollen. Mit Hilfe dieser Programme und der darin enthaltenen Geschäftslogik lassen sich zum Beispiel Wenn-dann-Beziehungen automatisch ausführen und Zahlungen abhängig von einer bestimmten Bestellart oder -menge auslösen. Smart Contracts bergen folglich ein großes Potenzial zur Reduzierung der Transaktionskosten in einer Lieferkette.

Darüber hinaus aber gilt es, weitere technische Überlegungen anzustellen, die weniger offensichtlich sind. Passt der Blockchain-Stack zur existierenden IT-Landschaft oder verursacht dessen Integration große Probleme? Wie gestaltet sich das Management der Schnittstellen? Wie sieht es mit der Strategie zur Datenanalyse aus? Mit welchem Aufwand lassen sich Upgrades vornehmen oder neue Geschäftslogiken im Netzwerk ausrollen – ein interessanter Aspekt, da in einer Blockchain per definitionem kein „Rückgängig“- oder „Löschen“-Knopf existiert?

Die Zeit ist reif

All diese Fragen, Aspekte und Kriterien machen die Evaluierung der Blockchain zu einer anspruchsvollen Aufgabe. Obwohl nicht alle Unternehmen, die sich dieser Übung unterziehen, am Ende zugunsten dieser Technologie entscheiden werden, könnte die große Zeit der Blockchain gerade erst beginnen. Weil der Hype einem neuen Realismus gewichen ist. Und weil im Nachgang der Corona-Krise wie zu ihrer Bewältigung die Karten in den internationalen Lieferketten neu gemischt werden.

Über den Autor: Nelson Petracek ist CTO von TIBCO Software.

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