Suchen

Neue Geschäftsmodelle Potenziale von Distributed Ledger im Maschinenbau

| Autor / Redakteur: Simone Giehl und Jens von der Brelie / Melanie Krauß

Die Digitalisierung bietet für Maschinenbauer zahlreiche Möglichkeiten für neue Geschäftsmodelle. In ihrem Zentrum steht häufig der Austausch von sensiblen Daten. Neue Technologien sorgen dabei für die notwendige Sicherheit.

Firma zum Thema

Das dezentrale Speichern von Daten bringt verschiedene Vorteile für Hersteller und Kunden.
Das dezentrale Speichern von Daten bringt verschiedene Vorteile für Hersteller und Kunden.
(© greenbutterfly - stock.adobe.com )

Seit der Kursrallye von Bitcoin Ende 2017 ist es scheinbar ruhiger um Blockchain und andere der sogenannten „Distributed Ledger Technologien“ geworden. Doch in den vergangenen zwei Jahren haben diverse Start-ups und große Unternehmen weltweit die Distributed Ledger Technologien einer Industrialisierung rasant näher gebracht. Der Maschinen- und Anlagenbau sollte das genau verfolgen, denn Distributed Ledger Technologien ermöglichen es Produktherstellern, zu Serviceprovidern zu werden. Welche Auswirkungen das hat, lässt sich am Beispiel der Musikindustrie ablesen: Dort haben die Streaming- und damit Serviceanbieter die Musiklabel beziehungsweise Produktanbieter in Sachen Umsatz längst abgehängt.

Doch wie könnte so eine Entwicklung im Maschinen- und Anlagenbau aussehen? Bislang verkauft ein Hersteller seine Maschine oder Anlage an einen Kunden, der sich fortan um den Betrieb und die Wartung kümmert. Für die Kunden ist eine hohe Anschubfinanzierung nötig, der Hersteller wiederum bekommt keine Informationen zur konkreten weiteren Nutzung der Maschine. Die Folge: Er kann sein Produkt nicht optimal weiterentwickeln.

Anders ist es bei ergebnisbasierten Geschäftsmodellen. Hier bezahlt der Kunde nicht mehr für ein Produkt, sondern für den Mehrwert, den er erhält. Statt ein Auto zu kaufen bezahlt er beispielsweise einen Betrag für jeden gefahrenen Kilometer und eine monatliche Pauschale dafür, jederzeit mobil zu sein. Dadurch wird der Hersteller verantwortlich für Effektivität und Wartung, der Kunde bezahlt die Nutzung beziehungsweise das Ergebnis. Die Vorteile für die Kunden sind eine einfachere Kalkulation, weniger Mittel zur Anschubfinanzierung und ein besserer Service.

So profitieren Hersteller von neuen Geschäftsmodellen

Auch für die Hersteller ergeben sich große Vorteile. Zum einen können auch sie besser kalkulieren – dank eines kontinuierlichen Zahlungseingangs. Zum anderen gewinnen sie neue Kundenschichten, die sich bislang die Anschubfinanzierung nicht leisten konnten. Doch der wichtigste Vorteil: Sie erhalten kontinuierlich Daten zur Nutzung ihrer Produkte, die eine nutzenorientierte Optimierung und Weiterentwicklung ermöglichen. Genau dieser Punkt macht in vielen Branchen den entscheidenden Unterschied aus zwischen Digitalisierungsgewinnern und -verlierern.

Welche Rolle werden Distributed Ledger Technologien in diesem Zusammenhang spielen? In ergebnisbasierten Geschäftsmodellen rücken Produkthersteller und Kunden enger zusammen. Die Kunden lassen den Maschinenhersteller an ihrem Geschäftsmodell partizipieren – während die Maschinenhersteller den Kunden ihre Produkte zur Verfügung stellen. Eine solche Zusammenarbeit benötigt Vertrauen. Und sie erfordert einen steten Datenaustausch – von Daten, die beide Seiten als ausgesprochen sensibel betrachten. Genau hier werden Distributed Ledger Technologien zum Gamechanger.

Bislang setzen Unternehmen zumeist auf eine zentrale IoT-Cloud, um große Datenmengen zu sammeln und verfügbar zu machen. Die Vorteile: Clouds sind bewährt, vergleichsweise günstig und sind dank des zentralen Ansatzes gut beherrschbar. Letzteres kann aber auch Nachteile mit sich bringen, denn der Betreiber der Cloud hat auch die Macht über die Daten.

Kommen Daten von mehreren Akteuren zusammen, stellt sich die Frage: Wer betreibt die Cloud? Verschärft wird diese Problematik dadurch, dass die Kommunikation in einer Cloud zentral abgewickelt werden muss – auch zwischen zwei Außenstehenden. Und, ein weiteres Problem: Die Daten sind nicht fälschungssicher.

Fälschungssichere Daten durch Distributed Ledger

Genau hier setzen Distributed Ledger Technologien wie Blockchain an. Hier liegen die Daten dezentral bei jedem Knoten. Mittels eines Algorithmus werden sie blockweise immer wieder verschlüsselt und zusammengefasst. Diese „Zusammenfassung“ bildet jeweils den Beginn des nächsten Blocks. Somit enthält der aktuelle Block Referenzen zu allen vorangegangenen Datenblocks, die sich jemals in dieser „Blockchain“ befunden haben. Das bedeutet, die Daten können nicht gefälscht werden. Denn das hätte zur Folge, dass sich auch die „Zusammenfassung“ ändert – der entsprechende Knoten wäre nicht mehr synchron.

Distributed Ledger bietet also zwei große Vorteile: Das Netzwerk ist dezentral und die Daten können sicher und vor allem vertrauenswürdig übertragen werden. Die neueste Generation von Distributed Ledger wie beispielsweise der Tangle von IOTA verbindet diese Vorteile noch mit einem höheren Datendurchsatz und geringeren Energieverbrauch. Das geschieht etwa, indem nicht mehr alle Knoten eines Netzwerks Transaktionen bestätigen müssen, sondern nur noch wenige, zufällig ausgewählte. Ein weiterer Vorteil dieser Technologie: Mikrotransaktionen kosten sehr wenig bis gar nichts.

Damit ermöglichen Distributed Ledger Technologien eine gemeinsame IoT-Infrastruktur, in der die Daten zwar durch Verschlüsselung vertraulich sind, es aber auch möglich ist, sie nachvollziehbar mit Geschäftspartnern zu teilen und Transaktionen zuverlässig und kostengünstig abzurechnen. So werden ergebnisbasierte Geschäftsmodelle wie Production as a service möglich – und Produkthersteller zu Serviceanbietern.

Natürlich braucht das Thema noch Zeit, denn noch sind Blockchain und Co nicht zu 100 % bereit für die Industrialisierung. Doch angesichts der enormen Vorteile sollten Unternehmen bereits jetzt die Weichen stellen und sich mit den neuen Technologien auseinandersetzen. Erste Proof of Concepts oder Prototypen können hier wertvolle Erkenntnisse liefern. Sie bringen womöglich den entscheidenden Vorsprung, wenn die neue Technologie reif für die Praxis ist – und der einstige Hype zum Hoffnungsträger wird.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal MaschinenMarkt.

* Simone Giehl ist Trend Business Lead Blockchain, Jens von der Brelie ist Director Solution Center Industry and Consumer Products bei der Zühlke Engineering GmbH in 65760 Eschborn.

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 46520855)