Smarte Verträge Orakel für Binance Smart Chain

Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martin / Peter Schmitz

Smarte Verträge können auf Off-Chain-Daten nicht zugreifen. Abhilfe schaffen Blockchain-Orakel. Ein solches System namens Bridge Oracle steht auf der Binance Smart Chain in den Startlöchern.

Smarte Verträge automatisieren die Ausführung festgelegter Regeln und dürften dabei auch etwa KI-getriebene Erkenntnisse in die Entscheidungsfindung mit einfließen lassen – sofern sie auf externe Datenquellen manipulationssicher zurückgreifen können. Die manipulationssichere Bereitstellung vertrauenswürdiger Orakel ist das Heilige Gral der Blockchain-Revolution.
Smarte Verträge automatisieren die Ausführung festgelegter Regeln und dürften dabei auch etwa KI-getriebene Erkenntnisse in die Entscheidungsfindung mit einfließen lassen – sofern sie auf externe Datenquellen manipulationssicher zurückgreifen können. Die manipulationssichere Bereitstellung vertrauenswürdiger Orakel ist das Heilige Gral der Blockchain-Revolution.
(© samott & Julien Tromeur - stock.adobe.com)

Smarte Verträge können auf Daten außerhalb ihres Blockchain-Netzwerks, die sogenannten Off-Chain-Daten, nicht zugreifen. Damit bleiben sie von der reellen Welt de facto entkoppelt. Blockchain-Orakel können Abhilfe schaffen, indem sie externe Datenquellen manipulationssicher bereitstellen.

Bei den Orakeln handelt es sich um Drittanbieter­dienste, die smarte Verträge mit Daten aus externen Informationsquellen versorgen. Diese Dienste schlagen eine Brücke zwischen Blockchains und der Außenwelt.

Ein Orakelsystem namens Bridge Oracle startet auf der Binance Smart Chain (BSC). Die Lösung soll Blockchain-Entwicklern die Erstellung von DApps und dezentralisierten autonomen Organisationen auf der Basis von smarten Verträgen ermöglichen, die sich Daten aus der realen Welt zu Nutze machen können.

Die Binance Smart Chain bietet Unternehmen einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ethereum: viel niedrigere Transaktionsgebühren. Durch das Erweitern der Infrastruktur von Bridge auf Binance Smart Chain können DApps eine Vielzahl externer Datenquellen anzapfen und den Nutzen smarter Verträge „ins Unermessliche steigern“.

Smarte Verträge sind Blockchain-Anwendungen mit manipulations­sicherem Kontext, die nach dem Vorbild von Vertragsklauseln auf Blockchain-Netzwerken nach zuvor definierten Regeln autark agieren. Der Code eines smarten Vertrages ist unveränderlich; keine Partei, selbst nicht die Ersteller eines smarten Vertrages, kann ihn nachträglich manipulieren oder sich seiner Wirkung entziehen.

Dieser Grad der Manipulationssicherheit ist ein Alleinstellungsmerkmal von Blockchains. Andere Formen von digitalen Verträgen, die auf zentralisierten Plattformen aufsetzen, lassen sich durch eine „vertrauenswürdige“ Partei oder eine Drittperson verändern, beenden oder löschen. Im Gegensatz dazu bedürfen „blockchainerisierte“ smarte Verträge keinerlei vertrauenswürdiger Intermediäre. Die Blockchain-Plattform, welche diesen Anwendungen zu Grunde liegt, führt die vereinbarten Aktivitäten zwecks Vertragserfüllung beim Auftreten der betreffenden Ereignisse automatisch aus und protokolliert unveränderlich alle relevanten Abläufe.

Diese Eigenschaft macht smarte Verträge zu einem leistungsstarken Werkzeug für die Umsetzung digitalisierter Vereinbarungen. Smarte Verträge dürften eine Ära bahnbrechender Effizienz einläuten und neuen disruptiven Geschäftsmodellen auf die Sprünge helfen.

Auf Basis der Blockchain-Technologie lassen sich bestimmte Vertragsbedingungen durch programmierte Regelsätze digital abbilden, an die Sensorik von IoT-Endpunkten anbinden und etwa KI-gesteuert in Echtzeit überwachen. Diese automatisierten Verträge sind selbstauslösend und bieten dadurch ein enormes Automatisierungspotential in Bezug auf den Vertragsvollzug.

Durch die Verzahnung von physischer Realität und der Geschäftslogik smarter Verträge entstehen neue Möglichkeiten zur Steuerung von Wirtschaftsaktivitäten, neue Freiheitsgrade zur Liquiditätsbeschaffung durch die Freisetzung von gebundenem Kapital aus Vermögenswerten wie Immobilien und neues Potenzial für zusätzliche Wertschöpfung.

Blockchain-Technologie schafft zusätzlichen Spielraum für Wachstum durch Produktivitätssteigerungen, die sich durch die Automatisierung von Geschäftsabläufen im Rahmen der Industrie 4.0 ergeben und auf ganze Versorgungsketten ausweiten lassen. Doch die praktische Umsetzung von smarten Verträgen zwischen autarken Parteien erfordert den Einbezug vertrauenswürdiger externer Datenquellen. Das ist viel schwieriger als sich das anhört.

Scheckheftgepflegt und voll aufgeladen

Die enorme Tragweite smarter Verträge illustrieren aktuelle Industrieinitiativen. So hat zum Beispiel ein Konsortium führender Automobilhersteller kürzlich die Idee „digitaler Geburtsurkunden“ für Fahrzeuge aufgegriffen und will diese unter der Federführung von BMW und Ford im Rahmen der Mobility Open Blockchain Initiative in die Praxis umsetzen. Das unmittelbare Ziel besteht darin, dem Betrug mit Gebrauchtwagen ein Ende zu setzen.

Für die Aufzeichnung von Registrierungs- und Wartungsdaten kommt MOBIs zweiter Fahrzeugidentifikationsstandard "VID II" auf der Blockchain zum Tragen.

Die manipulationssicheren „digitalen Geburtszertifikate“ sollen Käufern, Aufsichtsbehörden und Versicherern eine lückenlose Rückverfolgbarkeit relevanter Ereignisse in Bezug auf jedes einzelne Fahrzeug ermöglichen. Das Ereignisprotokoll dürfte bis ins geringste Detail nachvollziehbar sein und auch Informationen über die einzelnen Ladevorgänge (bei Elektroautos) samt Standortdaten umfassen.

Im Oktober des vergangenen Jahres hat MOBI einen globalen Standard für die „Blockchainerisierung“ von Ladenetzwerken für Elektrofahrzeuge lanciert. Der Standard beschreibt autarke, dezentrale Systeme für die Fahrzeug-zu-Netz-Integration auf Blockchain-Basis. Mit diesem Standard sollen Fahrzeuge überschüssige erneuerbare Energie aus Windturbinen und Photovoltaik speichern, tokenisierte Kohlenstoffgutschriften handhaben oder Energie und Daten in Peer-to-Peer-Anwendungen austauschen können.

Langfristig avisiert das Konsortium auch andere Anwendungen für die Blockchain, darunter auch welche im Kontext der Automobilfinanzierung. Smarte Verträge kommen da wie gerufen und die Einbindung externer Datenquellen gehört automatisch ins Pflichtenheft der Implementierung.

Auch Banken, Versicherungen und andere große Technologieunternehmen tüfteln an der Erstellung von "universell verbundenen Smart Contracts". Startups wie Chainlink wollen dabei helfen, indem sie den Zugriff auf reale Daten über Zahlungsvorgänge und andere Ereignisse und damit universelle Konnektivität ermöglichen.

Smarte Verträge sind Einheiten von ausführbarem Code, welche beim Erfüllen vorab definierter Bedingungen automatisch bestimmte Aktivitäten, beispielsweise Zahlungsflüsse, auslösen. Eine Weiterentwicklung smarter Verträge sind die sogenannten DAOs, kurz für Decentralized Autonomous Organizations. Hierbei handelt es sich um den Code, welcher unabhängige, autark agierende Wirtschaftseinheiten auf einer Blockchain-Plattform ins Leben ruft. DAOs gelten als die Krönung blockchainerisierter Automatisierung unternehmerischer Geschäftsabläufe.

Das Konzept von smarten Verträgen im Allgemeinen und DAOs im Speziellen stößt jedoch auf viele praktische Herausforderungen. Ein zentraler Stolperstein besteht etwa darin, dass Smart Contracts ohne den Einsatz eines Orakels nicht auf externe Daten zugreifen können. Die Automatisierbarkeit des Vertragsvollzugs auf der Basis externer Daten bleibt dadurch auf der Strecke.

Ein Orakelsystem auf der Binance Smart Chain

Bridge Oracle kann externe Datenquellen unter anderem aus der Computational-Knowledge-Engine WolframAlpha abrufen.
Bridge Oracle kann externe Datenquellen unter anderem aus der Computational-Knowledge-Engine WolframAlpha abrufen.
(Bild: Kobylinska/Martins)

Bridge debütierte auf Tron und gilt dort als das allererste dedizierte öffentliche Orakelsystem. Das Unternehmen will seine Infrastruktur jetzt auf Binance erweitern.

Externe Datenquellen lassen sich wahlweise über HTTP- und HTTPS-Anfragen anzapfen oder aus der Computational-Knowledge-Engine WolframAlpha abrufen und in smarte Verträge integrieren. Diese Infrastruktur soll Unternehmen den Weg ebnen, die Blockchain-Technologie in ihren Betrieb zu integrieren.

Die sogenannten Orakel lassen sich unter anderem auch für die Erzeugung von Zufallszahlen nutzen. Ob dieser Ansatz die Manipulationssicherheit resultierender kryptografischer Funktionen tatsächlich erhöht oder eher unterwandert, steht auf einem anderen Blatt. Denn der Nutzwert dieser Daten steht und fällt mir der Manipulationssicherheit externer Datenquellen.

Der zuverlässigste Generator von Zufallszahlen wäre im Übrigen ein Quantencomputer, nicht ein konventioneller HTTP/HTTPS-Endpunkt, geschweige denn eine Computational-Knowledge-Engine.

Der Geschäftsleitung von Bridge Oracle ist die Gefahr anscheinend bewusst. Das Unternehmen wollte „sicherzustellen, dass jedes Stück Daten, das in smarte Verträge einfließt, authentisch und nicht manipuliert“ sei. Erfahrene Entwickler sollen bereits an möglichen Lösungen arbeiten.

Die Plattform von Bridge soll im wahrsten Sinne des Wortes zwischen Tron und Binance eine Brücke schlagen. Token aus dem Tron-Netzwerk sollen sich auf die Binance Smart Chain übertragen lassen.

Ethereum, die führende Plattform für Smarte Verträge und die Basis unzähliger innovativer Geschäftsmodelle, ist inzwischen Opfer des eigenen Erfolges. Die Popularität der Ethereum-Blockchain hat eine chronische Überlastung des Netzwerks zur Folge, was die Transaktionskosten in die Höhe treibt. Der Wert von Ethereum ist dank dem Boom in DeFI seit nur Anfang 2021 bereits um rund 400 Prozent gestiegen. Schätzungsweise 23 Prozent des Geldvolumen an Ethereum soll in smarten Verträgen eingefangen sein, so Glassnode.

Laut einem Bericht von Bloomberg plane die EIB (European Investment Bank) eine zweijährige Digitalanleihe im Wert von 100 Millionen Euro auf Ethereum. Der Verkauf der Anleihe soll von Goldman Sachs, Banco Santander und Société Générale angeführt werden. Der Ether-Preis dürfte es auf absehbare Zeit reflektieren.

Fazit

„Smarte“ Verträge automatisieren die Ausführung festgelegter Regeln und dürften dabei auch etwa KI-getriebene Erkenntnisse in die Entscheidungsfindung mit einfließen lassen – sofern sie auf externe Datenquellen manipulationssicher zurückgreifen können. Die manipulationssichere Bereitstellung vertrauenswürdiger Orakel ist das Heilige Gral der Blockchain-Revolution.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

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