Internet Computer Protocol Neustart des Internets durch die Blockchain

Autor: Stefan Riedl

Die Blockchain verändert die Welt. Kryptowährungen haben eine per Algorithmus vordefinierte­ Knappheit. Bei der Übertragung von Eigentum, wie bei einem Hauskauf, werden neue Wege eingeschlagen. Auch dem Internet könnte eine „Blockchain-Disruption“ bevorstehen.

Die Blockchain-Technologie verändert viele Themen nachhaltig: Wertspeicher, Eigentumsübertragung, Lieferkettennachweise und das Internet an sich.
Die Blockchain-Technologie verändert viele Themen nachhaltig: Wertspeicher, Eigentumsübertragung, Lieferkettennachweise und das Internet an sich.
(Bild: fotomek - stock.adobe.com)

Auf Blockchain-Basis wird gegenwärtig an einem Algorithmus-Governance-System gearbeitet, welches im Web eine beliebige Anzahl von Blockchains im Sinne von Subnetzen erzeugen kann. Als Ergebnis könnte es ein „deutsches Subnetz“ oder ein ­breiteres „europäisches Subnetz“ geben. Partizipierende Unternehmen oder Einzelpersonen können dann beispielsweise vordefinieren: „Ich möchte nicht, dass meine Daten außerhalb Deutschlands weiter­gegeben werden.“

Ein Netzwerk voller Subnetze

Dominic Williams, Gründer und Chief Scientist bei Dfinity
Dominic Williams, Gründer und Chief Scientist bei Dfinity
(Bild: DFINITY)

An dieser Stelle kommt das NNS (Network Nervous System) ins Spiel. Dominic Williams, Gründer und Chef-Forscher bei der Dfinity-Stiftung, die federführund bei diesem Unterfangen ist, beschreibt das NNS als „algorithmisches Steuerungssystem, das unabhängige Datenzentren in das Netzwerk einbindet“. Das NNS könnte bei entsprechenden Einstellungen nur unabhängige Datenzentren im deutschen Subnetz nutzbar machen lassen. Vor diesem Hintergrund würden die Daten das Land nicht verlassen, was beispielsweise dabei helfen kann, rechtlichen Vorgaben nachzukommen. Doch dieser Vorteil ist nur ein Teilaspekt.

Das „Internet Computer Protocol“ (ICP)

Eigentlich arbeiten Williams und sein Team am sogenannten „Internet Computer“, beziehungsweise dem dahinterstehenden „Internet Computer Protocol“ (ICP).

Der Internet Computer soll die Funktionalität des Internets um eine öffentliche ­Rechenplattform erweitern, die es Entwicklern und Unternehmern über das Internet Computer Protocol ermöglicht, Websites, Unternehmenssysteme, branchenübergreifende Plattformen und offene Internetdienste aufzubauen.

Gegenwärtig beschäftigt Dfinity laut Williams über 130 der weltweit versiertesten Kryptographen, Ingenieure für verteilte Systeme, Programmiersprachen- und Betriebs-Experten. Da der Internet-Computer Teil des öffentlichen Internets ist – ähnlich wie Darpa und Cern – konzentriere sich die Dfinity-Stiftung letztlich darauf, „sicherzustellen, dass die größte Erfindung der Menschheit immer offen und frei bleibt“. Durch Blockchain-basierte Dezentralisierung desselben.

Die Stiftung stellte bisher dezentralisierte (aber noch wenig bekannte) Alternativen zu Linkedin und TikTok vor, öffnete das Netzwerk für Entwickler und launchte ­besagtes Network Nervous System, das offene algorithmische Governance-System. Williams spricht davon, das Internet sukzessive neuzustarten, indem eine neue Art offener Internetdienste eingeführt wird, „um es mit den Big Techs aufzunehmen, sowie manipulationssichere Unternehmenssysteme zu entwickeln die exponentiell wachsenden Sicherheitsrisiken bekämpfen zu können“.

Funktionsweise

Und das geht so: Das Internet Computer Protocol (ICP) soll in gewisser Weise die Funktionalität des öffentlichen Internets weiterentwickeln, indem es die Rechen­kapazität in unabhängigen Datenzentren, die auf der ganzen Welt betrieben werden, miteinander verwebt. „Dadurch entsteht eine virtuelle, einheitliche öffentliche Rechenplattform für Entwickler und Unternehmen – und damit neue Möglichkeiten, Software und Dienstleistungen direkt in diesem vernetzten System zu entwickeln und zu hosten. Der Gegensatz zu den „­zentral gesteuerten und im Besitz von Technologiegiganten befindlichen Serverfarmen“, liege in der Dezentralität, erklärt der ­Dfinity-Gründer.

Unter den vernetzten Teilnehmern wird es Inhabern von ICP-Tokens erlaubt, über Vorschläge abzustimmen. Diese Art der Organisation erinnert an die dezentrale Selbstverwaltung bei Kryptowährungen.

Um sich an der Verwaltung des Internet-Computernetzwerks zu beteiligen, sperren die Token-Inhaber die ICP-Verwaltungs-Token innerhalb des Netzwerk-Nervensystems ein und schaffen sozusagen „Neuronen“, über die Vorschläge abgestimmt werden. Belohnungen für die Teilnahme an der Abstimmung werden mit ICP-Tokens als Anreiz ausbezahlt.

Neuronen und ICP-Token

„Wenn Sie ein Neuron erstellen, sind seine Stimmkraft und die Belohnungen, die Sie vom Netzwerk-Nervensystem erhalten, wenn ihr Neuron abstimmt, zunächst proportional zur Anzahl der ICP-Token, die Sie darin einschließen. Ein Neuron, das beispielsweise 200 Tokens umfasst, hat bei Gleichheit aller Dinge die doppelte Stimmkraft und erhält die doppelte Belohnung für die Stimmabgabe wie ein Neuron, das 100 Tokens erfasst“, rechnet Williams vor.

Doch wie soll das in der Praxis funktionieren? Token-Inhaber können ihr Neuron so konfigurieren, dass es auto­matisch abstimmt, indem es anderen Neuronen seines ­Vertrauens folgt (beispielsweise einem anerkannten technischen Experten), sodass es möglich ist, die maximal ­verfügbare Belohnung zu erhalten, ohne ein Experte in Kryptographie und verteilten Systemen zu sein.

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