Crypto-Lending in DeFi-Ökosystemen Kreditgeschäfte mit der Blockchain

Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martin / Peter Schmitz

Innovative DeFi-Startups wie Aave Pro wollen mit Krypto-Lending auf Blockchain-Basis das Kreditwesen auch für institutionelle Investoren umkrempeln. Mehr Liquidität, geringere Kosten, ein anderes Risikoprofil: Eine dezentrale Technologieplattform, schlau dank ML und KI, wird zum Intermediär. Ist es ein Grund zum Feiern?

Crypto-Lending bringt Bewegung in das Finanzwesen: neue Ideen, mehr Effizienz und frische Liquidität aus Krypto-Vermögen.
Crypto-Lending bringt Bewegung in das Finanzwesen: neue Ideen, mehr Effizienz und frische Liquidität aus Krypto-Vermögen.
(Bild: Kobylinska / Martins)

Jenseits eingetrampelter Pfade öffentlicher Aufmerksamkeit ist eine neue Anlageklasse entstanden: DeFi-Kredite via P2P-Lending auf der Blockchain. Es gibt weltweit hunderte von P2P-Marktplätzen und diese bewegen mittlerweile massive Finanzmittel.

DeFi (das dezentralisierte Finanzwesen, Engl. Decentralised Finance) macht sich die Blockchain-Technologie zunutze, um die Abwicklung von Finanzgeschäften ohne zentralisierte Intermediäre zu ermöglichen. Dezentralisiertes Kreditwesen, das sogenannte Crypto-Lending, bringt den Ansatz einen Schritt weiter: Dank der Blockchain lassen sich Abläufe automatisieren und Daten auswerten, um die Risikobewertung zu verbessern und Ineffizienzen auszumerzen.

DeFi-Plattformen wie MakerDAO, Compound, Aave, BlockFi, SALT (kurz für Secured Automated Lending Technology) oder dYdX haben das Kreditgeschäft von Grund auf neu erfunden.

Flash-Loans & Co.

Dezentralisiertes Kreditwesen wächst außer Rand und Band. Crypto-Lending-Plattformen kontrollieren im globalen Maßstab Vermögenswerte in Höhe von rund 29 Milliarden USD.

Für die Kreditgeber auf einer DeFi-Plattform wie Compound besteht der Anreiz darin, Zinsen zu verdienen, ohne die Krypto-Werte erst in Fiat-Währungen umtauschen zu müssen. Für die Kreditnehmer ist die unbürokratische Kreditvergabe und die große Auswahl an Krypto-Werten von Vorteil. Beide Parteien interagieren aber nicht direkt miteinander. Die Investoren legen ihre Krypto-Vermögenswerte in einem Liquidity-Pool an und die Kreditnehmer können dann über Smart Contracts auf die so hinterlegten Vermögenswerte zurückgreifen.

Anders als im konventionellen Bankwesen ist es nicht die Aufgabe einer P2P-Plattform, Kredite zu gewähren oder abzulehnen. P2P-Lending-Plattformen verstehen sich vielmehr als Marktplätze, wo die Geldnachfrage der Kreditnehmer mit dem Geldangebot der Investoren zusammenkommt. Diese Plattformen bieten aber Zusatzdienste wie die Einschätzung der Bonität der Kreditnehmer und die Risikobewertung, aus der sich dann etwa der Zinssatz ableitet. Viele P2P-Kredite sind nicht gesichert, sondern lediglich versichert.

In der Welt der Krypto-Anleihen machen konventionelle Geschäfte nur einen Bruchteil der Umsätze aus. Richtig interessant sind Innovationen des dezentralisierten Finanzwesens wie beispielsweise Flash-Loans.

Bei Flash-Loans ist von Kreditgeschäften die Rede, die noch in derselben Transaktion vollständig beglichen werden (sei es durch Krypto-Anlagen oder durch den Gewinn, den sie erwirtschaften). Flash-Loans sind bei der Arbitrage zwischen unterschiedlichen dezentralen Börsen im DeFi-Ökosystem sehr beliebt.

Unter Flash-Minting versteht man das unmittelbare Erzeugen von Token, welche in derselben Transaktion auf einem Krypto-Finanzplatz wie Uniswap gegen Ether verkauft werden können.

Hoch hinaus

8,8 Millionen ETH auf Ethereum ist in DeFi „eingefangen“.
8,8 Millionen ETH auf Ethereum ist in DeFi „eingefangen“.
(Bild: defipulse.com)

Crypto-Lending dominiert den DeFi-Sektor auf Ethereum. Von den rund 8,8 Millionen Ether, die in dem DeFi-Markt (ca. 19 Milliarden USD) eingefangen sind, entfallen ca. 5,9 Millionen auf Crypto-Lending.

Der DeFi-Sektor scheint auch im laufenden Jahr 2021 zu weiteren Höhenflügen anzusetzen.

DeFi-Protokolle erlauben es den Teilnehmern eines solchen Ökosystems, ihre Finanzmittel oder Vermögenswerte, einschließlich Stablecoins, Kryptowährungen und anderer, zu verleihen und daran zu verdienen.

Dank Krypto-Lending soll die Abwicklung der Kreditvergabe und -Aufnahme und dann entsprechend die Rückzahlung der Darlehen wie am Schnürchen laufen. Dezentrale Plattformen des Krypto-Kreditwesens senken die Transaktionskosten, weil sie ohne Intermediäre auskommen: die Blockchain ist der Vermittler. Sie reduzieren die Risiken, indem sie Daten aus vielen Quellen aggregieren und kontinuierlich (KI-gestützt) auswerten – so zumindest die Theorie.

Von den 8,8 Millionen ETH in DeFi-DApps auf Ethereum sind rund 6 Millionen ETH in Crypto-Lending-Protokollen gesperrt.
Von den 8,8 Millionen ETH in DeFi-DApps auf Ethereum sind rund 6 Millionen ETH in Crypto-Lending-Protokollen gesperrt.
(Bild: defipulse.com)

Wer mit Kryptowährungen hantiert, nimmt das Risiko extremer Kursschwankungen in Kauf. Auch Token sind gegen einen Wertverfall nicht immun. Letzteres musste neulich Mark Cuban, der texanische Multimilliardär, auf die harte Tour lernen als er mit dem Token Titan von Iron Finance spekulierte. „Wie jeder andere auch habe ich mir die Finger verbrannt“, enthüllte Cuban, der sich normalerweise gerne selbstbeweihräuchert.

Im Auge des Sturms

Die Bitcoin-Rallye ließ den Wert der Kryptowährung in den letzten 12 Monaten um fast 300% steigen. Ethereum, die zweitgrößte Kryptowährung, hat im selben Zeitraum um satte 800% zugelegt. Das Bitcoin-Netzwerk bringt es derzeit auf eine Marktkapitalisierung von rund 600 Milliarden Dollar. Die Marktkapitalisierung der Ethereum-Plattform hat gerade einmal 250 Milliarden US Dollar erreicht.

Laut einer Prognose von Goldman Sachs dürfte Ethereum in den kommenden Jahren die Bitcoin-Blockchain überschatten. Ether als die native digitale Währung auf Ethereum sei derzeit anscheinend „die Kryptowährung mit dem höchsten realen Nutzungspotenzial“, schrieb die Investitionsbank in einer Mitteilung an ihre Kundschaft, da Ethereum „die beliebteste Entwicklungsplattform für Smart-Contract-Anwendungen“ sei.

Während Gold eine „defensive Inflationsabsicherung“ darstelle, seien Krypto-Währungen und -Token eine „risikoreiche Inflationsabsicherung“, schrieb Goldman Sachs in dem durchgesickerten Memo. Aufgrund „extremer Preisvolatilität“ seien Krypto-Münzen als ein Wertspeicher derzeit nicht zu empfehlen. Der anhaltende Wettbewerb zwischen Krypto-Plattformen trage zu den erhöhten Risiken bei.

Die extremen Preisschwankungen von Krypto-Währungen und -Token können auch die Abwicklung von DeFi-Darlehen unnötig verkomplizieren.

Der Marktmacher MakerDAO

Die Crypto-Lending-Plattform MakerDAO gilt als der unangefochtene Marktführer. (Der Name entstand in Anspielung auf das Wort „Marktmacher“; DAO steht für Decentralized Autonomous Organization, also ein Unternehmen, welches in Computer-Code verwaltet wird). MakerDAO stützt sich auf Smarte Verträge auf der Ethereum-Blockchain und will die Kreditvergabe mit Blockchain-Technik revolutionieren.

MakerDAO stützt sich auf zwei Stablecoins: Dai (DAI) und Maker (MKR). Beide nutzen dasselbe Protokoll, erfüllen jedoch unterschiedliche Aufgaben. Bei DAI handelt es sich um ein ECR-Token mit dem Wert von 1 USD – also um eine Art in Dollar denominierte Crypto-Einlage auf der Ethereum-Blockchain. Doch im Gegensatz zu anderen Stablecoins bezieht DAI ihren Wert nicht aus USD-Bargeldreserven, sondern aus internen Mechanismen der Plattform wie der Anpassung der sogenannten Stabilitätsgebühren in MKR für das Münzen von DAI (Engl. stability fees), der Über-Absicherung (over-collateralization), automatischer Liquidationen (Engl. automatic liquidations) und der MKR-Verwässerung (MKR dilution).

DAI ist de facto die „Handelswährung“ der Crypto-Lending-Plattform. Wer auf MakerDAO einen Kredit aufnimmt, muss eine Sicherheit in ETH hinterlegen und erhält im Gegenzug DAI. Die Darlehen von MakerDAO, die sogenannten CDP (Collateralized Debt Positions), sind in Smarten Verträgen auf der Ethereum-Plattform erfasst. Nach der Rückzahlung eines Darlehens vernichtet die Plattform die zugehörigen DAI. Die anfallenden Transaktionsgebühren rechnet MakerDAO in MKR an.

MKR ist die interne Kryptowährung für Zwecke der Plattform-Governance; sie gewährt den Inhabern Stimmrechte ähnlich wie eine Aktie. MKR schützt DAI zudem vor Preisschwankungen: Fällt der Preis von DAI, kann MakerDAO neue MKR schmieden und diese verkaufen, um auf dem Markt zusätzliche Sicherheiten zum Decken der Schuldverpflichtung aufzutreiben. Diese Maßnahme führt zur MKR-Verwässerung.

Es gibt eine weitere Notfallmaßnahme für den Fall, dass das MakerDAO-Netzwerk zusammenbrechen sollte: einen Mechanismus namens „Global Settlement“. Eine Gruppe von Personen hat kryptografische Schlüssel, mit denen sie das Netzwerk herunterfahren und in CDPs hinterlegte Sicherheiten an die Nutzer der Plattform in Form von Ether ausschütten kann.

Von Aave zu Aave Pro?

Aave (ursprünglicher Name: ETHLend) mit dem gleichnamigen Token (ursprünglich: LEND) ist ein auf Ethereum basierendes quelloffenes und nicht verpfändetes Liquiditätsprotokoll für die Verzinsung von Einlagen und das Verleihen von Vermögenswerten. Interessierte Investoren zahlen Geld in Kreditpools ein und können so Zinserträge erwirtschaften, wenn Kreditnehmer ihrerseits Kredite beantragen.

Die Regeln der Kreditvergabe sind auch hier in Smart-Contracts erfasst. Im Juli 2021 will Aave mit Liquiditätspools von Bitcoin (BTC), Ether (ETH), USD Coin (USDC) und seinem eigenen Token, Aave, ins internationale Kreditgeschäft mit einem Dienst namens Aave Pro einsteigen.

Die Plattform, die den Namen Aave Pro trägt, soll ein "genehmigtes Liquiditätsprotokoll" werden, indem sie Institutionen, Unternehmen und Fintech-Kunden Zugang zu dezentraler Finanzierung (DeFi) bietet. Das Protokoll wird private Pools nutzen, um institutionellen Investoren direkten Zugang zu dezentralen Märkten zu ermöglichen. Diese Pools sollen von den bestehenden Liquiditätspools auf Aave getrennt sein.

Risiken von DeFi-Krediten

Dezentralisierte Anwendungen, die sogenannten Dapps, laufen autonom, von einem Smart Contract angetrieben. Treten bestimmte vordefinierte Bedingungen auf, führen die betreffenden Rechenknoten der Blockchain den zugehörigen Code im Gleichschritt aus und beglaubigen das Resultat mit kryptografischen Prüfsummen. Alle Transaktionen sind maschinenlesbar; die Daten lassen sich per KI/ML auswerten.

Ein DeFi-Darlehen muss typischerweise mit einem Krypto-Vermögenswert abgesichert werden; dies minimiert Risiken für den Kreditgeber. Der Kreditnehmer kann wiederum seine Krypto-Assets in Fiat verflüssigen und nutzen, ohne sie zu veräußern. Sollte der Wert dieses Vermögens während der Laufzeit des Kredits steigen, kann er u.U. noch einen Gewinn verbuchen.

Kreditnehmer können typischerweise nur Blockchain-basierte Kryptowährungen als Sicherheiten hinterlegen. Auf der Crypto-Lending-Plattform SALT muss der Kreditnehmer das Eigentum an einer von rund zehn unterstützten Kryptowährungen auf einer öffentlichen zugelassenen Blockchain aufzeichnen lassen.

Da die Kredite durch Vermögenswerte abgesichert sind, entfällt eine Menge Bürokratie; selbst eine Prüfung der Kreditgeschichte des Kreditnehmers ist nicht erforderlich. Sollte der Wert der hinterlegten Sicherheiten auf Grund von Preisschwankungen der Kryptowährung sinken und die Beleihungsgrenze zeitweise verletzen (Engl. LTV für loan-to-value treshold) führen, löst dies automatisch den Beleihungsauslauf aus (Engl. Collateral Maintenance Call). Sollte der Kreditnehmer weder die Sicherheit aufstocken noch den Kredit zurückzahlen, würden die als Sicherheit deklarierten Vermögenswerte liquidiert. Aufgrund der extremen Volatilität von Kryptowährungen setzen viele Plattformen auf wertstabile(rer) Stablecoins.

Das einzige Risiko, welches sich durch keine Sicherheiten aufwiegen und niemals vollständig ausschließen lässt, ist die persistente Gefahr einer erfolgreichen Cyberattacke. Dieses Risiko müssen alle Beteiligten stets in Kauf nehmen – bloß niemals auf die leichte Schulter.

Fazit

Crypto-Lending bringt Bewegung in das Finanzwesen: neue Ideen, mehr Effizienz und frische Liquidität aus Krypto-Vermögen.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

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