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Strukturiertes Entscheidungsmodell Der richtige Use Case für die Blockchain

| Autor / Redakteur: Dipl. Betriebswirt Otto Geißler / Peter Schmitz

Unternehmen, die bereits über den Einsatz einer Blockchain nachdenken, sollten vorab geeignete Use Cases entwickeln. Denn nicht jedes Szenario passt zu jedem Unternehmen. Wie müssen demnach CIO vorgehen, um das am besten geeignete zu identifizieren?

Es gibt eine Reihe grundsätzlicher Ansätze, um einen Business Case für die Blockchain zu finden.
Es gibt eine Reihe grundsätzlicher Ansätze, um einen Business Case für die Blockchain zu finden.
(© nullplus - stock.adobe.com )

Die Blockchain bietet für die Wirtschaft ein riesiges Potenzial. Doch viele Entscheider stehen vor dem Problem, den richtigen Use Case für das eigene Unternehmen zu identifizieren. In der Praxis hat sich folgende Checkliste mit verschiedenen Entscheidungsstufen bewährt: Ideenentwicklung, Technologiefindung, Effektivität und Validierung.

1. Stufe: Entwicklung der Ideen

Am Anfang steht die Entwicklung von Ideen für mögliche Use Cases. Hierzu steht eine breite Palette an Kreativitätstechniken breit. Zum Beispiel agile Methoden wie Design Thinking oder klassische Techniken wie Brainstorming, Bionik oder die 6-3-5-Methode.

Oder das beauftragte Team greift zu dem disruptiven Ansatz, der auf der Frage basiert: Was muss geschehen, damit das eigene Unternehmen in fünf Jahren vom Markt verschwunden ist? Vor allem neue Perspektiven zu herkömmlichen Denkschienen können plötzlich völlig überraschende Ideenschübe auslösen.

Auf der anderen Seite bewerten analytische Ansätze wie zum Beispiel die Methode des Business Process Modellings (BPM) komplette Wertschöpfungsketten. Gerade wenn viele Parteien miteinander interagieren, die sich gegenseitig eher nicht vertrauen, zeigt die Blockchain ihre Stärken.

Dazu stellen die Teams die Geschäftsprozesse entlang der Wertschöpfungskette grafisch dar, um kritische Punkte zu identifizieren, welche viele Beteiligte betreffen und immer wieder Schwierigkeiten bereiten. In einem Workshop oder einer Interview-Reihe werden die Prozessbeteiligten gebeten, den Ablauf zu beschreiben und diese Probleme aufzuzeigen.

2. Stufe: Eignung der Technologie

Beurteilt das Team eine Idee für einen Use Case als vielversprechend, so muss dazu die geeignete Technologie gefunden werden. Dies kann zum Beispiel neben einer Blockchain auch eine SQL-Datenbank, ein Datenmanagement-System oder eine Cloud-basierte SaaS-Lösung sein. Bei der Entscheidung für oder gegen eine Blockchain-Lösung hilft ein strukturiertes Vorgehensmodell:

Mehrere Teilnehmer

Der Einsatz einer Blockchain ist dann sinnvoll, wenn ein Datenaustausch durch mehrere bzw. viele Parteien stattfindet.

Vertrauen fehlt

Dieses Vertrauen lässt sich herstellen, indem jede Partei permanent Einblick in die Transaktionen erhält, für die sie Zugriffsrechte erhalten hat.

Abhängige Transaktionen

Die Blockchain ist geradezu eine ideale Lösung, wenn die Transaktionen voneinander abhängig sind oder aufeinander aufbauen. Wenn es nur um das Abspeichern von Daten geht, stehen meist andere effizientere Lösungen zur Verfügung.

Prüfprotokolle

Eine Blockchain ermöglicht eine lückenlose Protokollierung aller Vorgänge und Transaktionen. Wobei nur verifizierte Teilnehmer diese Einträge an die Blockchain anhängen dürfen. Dies wird wiederum durch die Mehrheit der Teilnehmer nachvollziehbar bestätigt.

Tolerierbare Latenzen

Je nach Use Case müssen Zeitverzögerungen durch die Blockchain tolerierbar sein.

Komplexität und Kosten

Wenn der zu betrachtende Prozess durch die Sicherheitsanforderungen sehr komplex und auch teuer sein sollte, dann ist die Blockchain in der Regel die günstigere Alternative.

Sensible Daten

Bei sensiblen Daten gilt es zu entscheiden, die Blockchain in einer Privat Blockchain mit definierten Zugriffsregeln zu verwalten.

Ein Use Case könnte beispielsweise das weltweite Monitoring von Cargo-Schiffen sein. Bei Verspätungen werden die Empfänger oft zu spät informiert. Erlangt der Kunde Kenntnis davon, dass die Lieferung sich verzögert, so kann er unmittelbar reagieren und zum Beispiel eine wichtige Ersatzteil-Lieferung per Flugzeug initiieren. Die entstehenden hohen Kosten wären durch einen vermiedenen Produktionsstillstand kompensiert.

Die Blockchain ist in diesem Fall eine mögliche Lösung, da es um mehrere zum Teil wenig bekannte Teilnehmer handelt, die Vorgänge voneinander abhängen und eine geringe Latenz tolerierbar wäre. Jedoch könnte auch eine bestehende Supply Chain-Management-System-Lösung günstiger sein.

3. Stufe: Effektivität und Reifegrad

Ergab die Technologiewahl eine Präferenz zur Blockchain, so muss in dieser Phase ihre Effektivität bestätigt werden. Erkenntnisse liefert das sogenannte Reifegrad-Modell. Das heißt, Reifegrad der Digitalisierung, der IT-Infrastruktur und der internen Prozesse.

Reifegrad der Digitalisierung

Ideal wäre es, wenn die Prozesse bereits komplett automatisiert ablaufen könnten. Nicht selten sind die bestehenden Prozesse von Medienbrüchen geprägt. In der Blockchain sind jedoch nur solche Prozesse sinnvoll darstellbar, bei denen die Daten digitalisiert vorliegen und gleich weiterverarbeitet werden können. Zudem sollten auch die Daten der anderen Parteien vollständig digital vorliegen.

Reifegrad der IT-Infrastruktur

Je nach Konsens-Verfahren muss eine ausreichende Rechenleistung bereitgestellt werden. Damit es nicht zu Verzögerungen im Betrieb kommt, sollte eine entsprechende Netzwerkanbindung im Rechenzentrum gegeben sein. Die Blockchain kann auch Cloud-basiert betrieben werden. Dazu müssen die IT-Prozesse entsprechend aktuell vorliegen. Darüber hinaus müssen die Prozesse und Verantwortlichkeiten definiert und dokumentiert sein, um möglichst schnell Schnittstellen und deren Verbesserungspotential durch die Blockchain zu identifizieren.

Reifegrad der internen Prozesse

Damit es bei der produktiven Abbildung von Prozessen mit einer Blockchain-Technologie keine unnötigen Widerstände gibt, ist dafür die Unterstützung der Geschäftsführung erforderlich. Blockchain-Projekte lassen sich besonders effizient implementieren, wenn die internen Prozesse aktualisiert wurden. Die Federführung sollte ein Team für Transformation übernehmen. Für das Blockchain-Projekt muss ausreichend Manpower zur Verfügung gestellt werden.

4. Stufe: Validierung der Projektalternativen

Entwicklung eines Business Case, der ökonomisch überprüft werden muss. Beim Thema Blockchain sind die Modelle ICO-Canvas und BMC (Business Model Canvas) am weitesten verbreitet. Kann dadurch eine Wertsteigerung durch die neue Blockchain-Lösung für das Unternehmen ermittelt werden, so führt das Unternehmen die lukrativste Variante ein.

Fazit

Mit der Blockchain lassen sich bereits heute konkrete Business Cases entwickeln und erfolgreich realisieren. Andererseits fragen sich viele Unternehmen, ob sie erst die nächsten Weiterentwicklungen der Blockchain-Lösungen abwarten sollen. Doch wer jetzt beginnt, sinnvolle Blockchain-Projekte mit ausgewiesenen Experten aufzusetzen und keine Insellösung einzuführen, ist heute schon weit vorn mit dabei.

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