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Zehn Jahre produktiver Einsatz zum Wohl der Bürger

Blockchains rocken Estland

| Autor/ Redakteur: Dietmar Müller / Ulrike Ostler

Über die fabelhaften Chancen der Blockchain als disruptive Technologie berichtet die Fachpresse nonstop in den höchsten Tönen – auch wir tun das. Wo aber hat sie wirklich für ein besseres Leben gesorgt? Martin Ruubel, President von Guardtime, führt als Beispiel gleich ein ganzes Land an: Estland sei durch die Blockchain-Technologie ein durchdigitalisiertes Land, das seinen Bürgern viele Wege abnimmt, vorrangig die zum Amt.

Estland ist durch die Blockchain-Technologie ein durchdigitalisiertes Land, das seinen Bürgern viele Wege abnimmt.
Estland ist durch die Blockchain-Technologie ein durchdigitalisiertes Land, das seinen Bürgern viele Wege abnimmt.
( Bild: gemeinfrei, geralt / Pixabay / CC0 )

Die Blockchain-Technologie wird nach Meinung vieler Experten die Welt verändern – indem sie sie ein gutes Stückchen sicherer macht. Sie sorgt für Transparenz von öffentlichen Daten und stellt sicher, dass ein Dokument „echt“ ist. Dafür werden in einer Blockchain, also einer aus Blöcken bestehenden Kette, Informationen dezentral verwaltet. Das heißt, dass Datensätze nicht zentral auf einem Server gespeichert werden, sondern verteilt auf vielen verschiedenen Rechnern. Das bedeutet auch, dass es mit Blockchain keine Zwischenhändler mehr braucht. Transaktionen werden direkt zwischen Personen abgewickelt.

Würde jemand den Versuch unternehmen, ein älteres Dokument mutmaßlich zu seinen Gunsten abzuändern, würde das sofort auffallen, denn dann stimmt die manipulierte Blockchain nicht mehr mit der der anderen Nutzer zusammen – und wird verworfen. Betrug auf Basis gefälschter Dokumente wird so unmöglich. Deswegen ist die Blockchain-Technologie nicht nur für Bürgerinnen und Bürger, sondern auch und gerade für Banken, Versicherungen oder auch Energieversorger äußerst interessant.

Martin Ruubel, President von Guardtime, nennt denn auch als die „massivsten“ Versprechen der Blockchain die Desintermediation, also der Wegfall von Zwischenhändlern beim Austausch von Informationen, die Nutzerermächtigung, die Datenqualität sowie die Transparenz und Unveränderlichkeit von Dokumenten. In der öffentlichen Verwaltung müssten beispielsweise viele Register manipulations- und ausfallsicher betrieben werden, und Urkunden sowie Bescheide Nachweise über bestimmte Sachverhalte geben.

Kein Hype ohne Absturz

Keinem Branchen-Insider kann der Hype um Blockchain - beziehungsweise wie Ruubel es nennt: die „Blockchain Mania“ entgangen sein. Aber die Realität ernüchtert: IDC stellte gerade mit Berufung auf eine aktuelle Studie der renommierten Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) mit dem Netzwerkspezialisten Cisco Systems fest, dass sich entgegen vieler Prognosen momentan eher ein geringerer Teil der Anwender mit der Blockchain befasst. Innerhalb dieser erlesenen Gruppe steckt wiederum der größte Teil noch in einer Proof-of-Concept-Phase. Argwöhnisch beäugen die Anwender beispielsweise den gegenwärtig noch bestehenden Mangel an Standards sowie eine eher klägliche Auswahl an Enterprise-Ready-Plattformen.

Das bedeutet, dass sich die Pioniere einer Blockchain-IoT-Lösung auf Probleme im Hinblick der Interoperabilität und Skalierbarkeit gefasst machen müssen. Ruubel bezeichnet als Schmerzpunkte der Blockchain-Technologie „massive Einschränkungen für die tatsächliche Umsetzung in Produktionssystemen“, Fragen der Skalierbarkeit, Sicherheitsbedenken, offene regulatorische Auswirkungen, eine fragliche Interoperabilität sowie Kostenüberlegungen.

Estland hat Erfahrung

All diese Schmerzpunkte hat ein Land auf dieser Welt bereits bewältigt: Estland! Das nordeuropäische Land, das an die Ostsee und den Finnischen Meerbusen grenzt, hat sich seit 2000 den Ruf als digitales Musterland erarbeitet – zu Recht. So haben alle estnischen Bürger eine elektronische Identität, mit der sie Zugriff auf 99 Prozent aller staatlichen Dienstleistungen haben – von der Steuererklärung bis zur digitalen Krankenakte. Laur Ruubel dauert es dort im Schnitt lediglich 18 Minuten, um eine Firma zu gründen!

Für die Nutzung der digitalen Angebote ist nur ein starkes Identity- und Access-Management nötig. Wer aber stellt sicher, dass die vom Bürger eingesehenen Daten und Dokumente auch echt sind? Diese Frage ist von großer Bedeutung, zumal wenn man sich vor Augen hält, dass Estland schon lange im Visier russischer Hacker liegt, die das kleine Land zurück in die russische Föderation aka Sowjetunion holen wollen.

Im Jahr 2007 etwa gab es massive Cyberattacken auf estnische Einrichtungen. Vom 27. April an wurden das Parlament, Banken, Ministerien, Zeitungen, Rundfunkanstalten mit verschiedenen Methoden angegriffen, wobei DDoS-Angriffe nur einen kleinen Teil ausmachten. Hintergrund war ein Streit um russische Kriegsgräber in Estland. Dabei wurden auch mutwillig Dokumente gefälscht.

Das Land zog seine Lehren daraus: Die Regierung begann 2008 mit dem Testen der „KSI“-Blockchain-Technologie von Guardtime – wegen all der eingangs genannten Vorzüge, allen voran der Revisionssicherheit. Seit 2012 werden Blockchains als Integritätsschicht in alle estnischen Regierungsnetze implementiert. So wird eine vollständige Transparenz zwischen Bürgern und Regierung hergestellt, gefälschte Dokumente sind nicht mehr möglich.

Laut Ruubel nannte die estnische Regierung folgende Gründe für die Umsetzung der Blockchain-Technologie:

  • 1. Die Tatsache, in jeder Situation zu 100 Prozent auf Regierungsdaten vertrauen zu können, ist eine der grundlegenden Fähigkeiten eines jeden Nationalstaates.
  • 2. Die Fähigkeit, die Integrität von Regierungsdaten durchzusetzen, bietet die Möglichkeit, Insider-Bedrohungen, die sich auf die Manipulation und den Missbrauch der gespeicherten Daten konzentrieren, effektiv zu verringern.
  • 3. Die Fähigkeit, die Integrität von Regierungsdaten unabhängig von ihrer Heimatdatenbank in Echtzeit zu überprüfen, erlaubt die Interoperabilität von Daten zwischen Systemen und Grenzen.

Als nächstes soll die Technologie auf Internet of Things (IoT)-Netzwerke ausgeweitet werden. Das sorge etwa für die Gewährleistung von Transparenz und staatlicher Aufsicht auch über autonome Fahrzeuge. Auch soll die asymetrische Schlüsselkrypografie PKI 2.0 gegen ein neues Verfahren ausgetauscht werden, PKI 2.0 sei auf Dauer nicht sicher genug gegen Quantenbedrohung und erfordere eine bislang noch nicht ausgemachte Alternative.

Blockchain-Vorzeigeprojekte in Estland

Die Blockchain-Technologie hat auf allen Ebenen der estnischen Gesellschaft Einzug gehalten. Das Gesundheitswesen, die Schifffahrt und das Militär sind nur drei Beispiele von vielen. Martin Ruubel schildert die Umsetzung:

Gesundheitswesen

Im estnischen Gesundheitswesen hat die Digitalisierung viel bewegt, die estnische Regierung hat folgende Bereiche als Schwerpunkte für die Entwicklung des Gesundheitssystems definiert, die allesamt mit der Blockchain-Technologie abgedeckt werden können:

  • Telemedizin und Fernpflege – die Integrität der ausgetauschten Daten muss gewährleistet sein.
  • Personalisierte Medizin – die Authentifizierung von Quelldaten muss möglich sein.
  • Die Archivierung von medizinischen Aufzeichnungen – aufbewahrte Daten müssen vor Manipulation und Quantenbedrohung geschützt werden.
  • Klinische Studien und Arzneimittelentwicklung –Transparenz ermöglicht die Durchsetzung von Vorschriften.

In einem Vortrag hat Ivo Lõhmus, Program Manager bei Guardtime, erläutert, wie KSI Blockchain mit Oracle-Datenbanken interagieren, um Patientendaten revisionssicher zu verwalten.

Schifffahrt

Estland liegt am Meer, die Schifffahrt ist deswegen ein wichtiges Standbein der dortigen Industrie. Das Joint-venture Insurwave nutzt die Blockchain und Microsofts Azure-Infrastruktur, um die komplexen und sich ständig verändernden Risiken für mehr als 1000 Handelsschiffe zu managen. Durch die Vernetzung der Teilnehmer in einem sicheren, privaten Netzwerk mit einem präzisen, unveränderlichen Prüfungsweg und Dienstleistungen zur Durchführung von Prozessen schafft die Plattform als erste ihrer Art eine digitale Versicherungswertschöpfung.

Militär

Auch das Militär spielt eine wichtige Rolle in Estland, das seit 2004 NATO-Mitglied ist. Die Blockchain-Technologie kommt hier gleich mehrmals zum Einsatz, etwa bei der Absicherung der Lieferkette (Supply Chain) für Waffen und Ausrüstung, für Software und Informationen. Auch das Risikomanagement der Armee ist wie im Gesundheitswesen Blockchain-basiert.

Blockchains für das Supply Chain Management

Grundsätzlich lassen sich alle Supply Chains als Blockchains abbilden. Durch die so gewonnene Daten- und Prozessintegrität macht dies immer Sinn. Automatisch gerät damit Walldorf in den Blick: Die SAP hat umfangreich mit Guardtime zusammengearbeitet, um beispielsweise die Lieferkette für das Militär abzusichern.

„Die Integration von KSI Container mit SAP SCM auf der SAP Cloud-Plattform ermöglicht eine vertrauenswürdige, herstellerübergreifende Lieferkette mit voller Transparenz des Ursprungs jeder Komponente unabhängig von Domänen, Vertrauensbeziehungen oder Netzwerksystemen“, so Björn Goerke, President SAP Cloud Platform und Chief Technology Officer bei SAP.

Im Sommer vergangenen Jahres teilte Hala Zeine, President der SAP-Gruppe Supply Chain and Manufacturing, mit, dass man auch einen KSI Blockchain-basierten Supply-Chain-Tracker für die Landwirtschaft entwickelt habe. Grundsätzlich wolle man Blockchain-Werkzeuge „mit Nachdruck“ in das gesamte bestehende Produktportfolio integrieren. Im Falle der Nachverfolgung von Transportgütern, pharmazeutischen Produkten sowie für das Transport- und Logistikmanagement ist dies heute schon geschehen. Außerdem integriert das Unternehmen Blockchain-Funktionen in SAP-Lösungen für die Fertigung, die Logistikkette und in andere Produkte und arbeitet mit Branchenvertretern an der Weiterentwicklung der Technologie.

Nicht nur in Estland ist die Blockchain-Revolution also am Laufen. Dort aber ganz besonders.

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Über den Autor

Dietmar Müller

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