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Blockchain-Technologie für Unternehmen

Blockchains für den Mittelstand

| Autor/ Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins / Peter Schmitz

Das disruptive Potenzial der Blockchain geht an dem Mittelstand nicht spurlos vorbei. Spätestens wenn sich die Schwergewichte mit Hilfe der Blockkette neue Wettbewerbsvorteile zusichern, müssen auch die KMUs ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Quelloffene Blockchain-Frameworks demokratisieren den Zugang.

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Der Mittelstand muss endlich handeln! Nur wer die Grundprinzipien der Blockchain-Technologie versteht, kann sich künftig im globalen Wettbewerb noch behaupten.
Der Mittelstand muss endlich handeln! Nur wer die Grundprinzipien der Blockchain-Technologie versteht, kann sich künftig im globalen Wettbewerb noch behaupten.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Blockchain-Technik bildet das Herzstück der Industrie 4.0 und das Rückgrat der IoT-Revolution. Als die zentrale Drehscheibe für den Datenaustausch zwischen Teilnehmern von Versorgungsketten hat die Technologie das Zeug dazu, die Kraftverhältnisse aufzumischen.

Ein bedrohlicher Technologierückstand

Zu den allerersten Blockchain-Pionieren zählen disruptive Neuzugänge: kleine Startups, die — anders als der etablierte Mittelstand — außer ihrem Startkapital rein gar nichts zu verlieren haben. Diese disruptiven Neuzugänge würden als Erste potenziell tragfähige Lösungen identifizieren und auf die Probefahrt nehmen. Zu diesem Schluss kommt das Beratungshaus Deloitte in seiner aktuellsten Studie auf der Basis einer globalen Blockchain-Umfrage („Deloitte’s 2019 Global Blockchain Survey. Blockchain gets down to business“). Die resultierenden Lösungen würden dann aber Großunternehmen „in größerem Maßstab zum Einsatz bringen“.

So entstehe „eine symbiotische Beziehung“, welche eine kontinuierliche Kette an Blockchain-Innovationen hervorbringe, argumentieren die Analysten.

Die globalen Schwergewichte picken sich offenbar die Rosinen heraus, während der Mittelstand von der sprichwörtlichen Reservebank mehr oder weniger hilflos zuschauen muss wie der Kuchen unter den Großen verteilt wird — oder muss er vielleicht doch nicht?

Der Branchenverband Bitkom führt diesen Rückstand auf die vielen konkurrierenden Technologietrends zurück, die um die Innovationsbudgets des Mittelstands buhlten. Doch Abwarten sei in diesem Kontext sicherlich kein Erfolgsrezept. Denn auch kleine und mittelständische Unternehmen sollten sich „frühzeitig mit neuen Technologien wie der Blockchain“ beschäftigen, urteilt Bitkom im aktuellen Studienbericht vom 13. Juni 2019. Gerade weil die Innovationsbudgets bei den KMUs vergleichsweise knapp bemessen seien, werde es „umso schwerer, einen Technologie-Rückstand gegenüber dem Wettbewerber wieder aufzuholen“ („Blockchain in Deutschland – Einsatz, Potenziale, Herausforderungen“, Studienbericht 2019, Bitkom e.V.).

Diskrepanz: In Sachen Blockchain-Investitionen bleiben KMUs hinter den Schwergewichten zurück.
Diskrepanz: In Sachen Blockchain-Investitionen bleiben KMUs hinter den Schwergewichten zurück.
(Bild: Bitkom)

Bitkoms Warnung könnte wohl kaum zu einem besseren Zeitpunkt kommen. Denn Blockchain-Lösungen beginnen gerade, an Fahrt aufzunehmen. Die Zeit zum Handeln ist da.

Die Blockchain als dezentraler Datenspeicher droht, die Datensouveränität des Mittelstands auszuhebeln. Wer sich der Tragweite nicht bewusst ist, läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.

In die Bedrohungslage können zwar alle Teilnehmer einer Versorgungskette geraten, doch der Mittelstand steht besonders stark unter Beschuss. Denn wer zuletzt kommt, mahlt zuletzt.

Für den agilen, erfahrungsreichen Mittelstand stellt sich somit die berechtigte Frage, ob und wie sich der Nachteil des späten Starts vielleicht doch kompensieren lässt.

Wer in der Blockchain-Ära gleichberechtigt zu den Schwergewichten auftreten möchte, muss gegen die Datendominanz der Internet-Giganten mit Bedacht vorgehen: Partner suchen, Allianzen schmieden, Kompetenzen beschaffen. Offene Blockchain-Frameworks bieten hierzu die geeigneten Grundlagen.

Technologie ist kein Selbstzweck: Use-Cases für die Blockchain im Mittelstand

Die Blockchain kann für ein Unternehmen neue Wertschöpfungsquellen eröffnen. Doch die Lernkurve ist steil und die Implementierung voller Tücken und Überraschungen.

Die Grundlage für marktfähige Blockchain-Anwendungen sei qualifiziertes Personal, urteilt der Branchenverband Bitkom. Darin liegt angesichts des Fachkräftemangels eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für den Mittelstand. Die ersten Schritte muss die Geschäftsleitung meist in Eigenregie unternehmen.

Die Evaluierung des Potenzials der Blockchain-Technologie beginnt mit dem Willen, sich mit möglichen Use-Cases im Kontext des eigenen Betriebs vertraut zu machen. Es gilt zu prüfen, inwieweit sich die bekannten Use-Cases auf das eigene Unternehmen anwenden lassen und welche Probleme sie lösen könnten. Erst dann kann von einem Anforderungsprofil, einem Budgetrahmen und der Wahl einer geeigneten Blockchain-Plattform die Rede sein.

Auffällig: Unternehmen, die mit der Blockchain bisher nicht in Berührung kamen, halten die Technik für weitaus weniger ausgereift und weniger nützlich als solche Firmen, die sich damit bereits selbst auseinandersetzen.
Auffällig: Unternehmen, die mit der Blockchain bisher nicht in Berührung kamen, halten die Technik für weitaus weniger ausgereift und weniger nützlich als solche Firmen, die sich damit bereits selbst auseinandersetzen.
(Bild: Bitkom)

Einige Mittelständler haben die Reise bereits mit Erfolg hinter sich gebracht. So zum Beispiel die Syracom AG, ein mittelständischer Blockchain-Vorreiter aus Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden.

Für die Syracom AG hatte sich die Suche nach sinnvollen Use-Cases anfangs „durchaus schwierig“ gestaltet. Im Laufe der Zeit hat das Unternehmen gewisse Eigenschaften möglicher Use-Cases identifizieren können, die sich für die Blockchain-Eignung als ausschlaggebend bewährten, darunter:

  • wertschöpfungsprozessübergreifende Automatisierung: Smarte Verträge (smart contracts), ein zentrales Feature einiger Blockchains, bietet sich geradezu an, um die Abwicklung von Geschäftsabläufen effizienter zu gestalten;
  • der Verzicht auf Intermediäre: Die Rolle des Vermittlers zwischen Transaktionsteilnehmern kann die Blockchain-Technologie übernehmen;
  • die Unveränderbarkeit des Ereignisprotokolls: Die Konsensfindung zwischen autarken Teilnehmern kann die Unveränderlichkeit und eine hohe Manipulationsresistenz gewährleisten.

Diese Liste stellt natürlich nur einen kleinen Ausschnitt dar; konkrete Vorteile wie Kostensenkungen, Zeiteinsparungen oder Effizienzsteigerungen lassen sich erst im Kontext bestimmter Anwendungsszenarien feststellen. In vereinzelten Fällen entstehen neuartige Geschäftsmodelle mit disruptivem Potenzial.

Praktischer Anwendungsszenarien für die DLT-Technologie gibt es mittlerweile recht viele, von der Verzahnung digitaler Versorgungsketten zwecks Automatisierung von Geschäftsabläufen zwischen Lieferanten und Abnehmern bis hin zur manipulationssicheren Buchführung und Archivierung von Handelsdaten.

Die Liste der betriebswirtschaftlichen Vorteile der Blockchain-Technologie führt unter den deutschen Investmentmanagern die hohe Prozessgeschwindigkeit an.
Die Liste der betriebswirtschaftlichen Vorteile der Blockchain-Technologie führt unter den deutschen Investmentmanagern die hohe Prozessgeschwindigkeit an.
(Bild: KPMG)

Konkrete Lösungen stecken immer noch in den Kinderschuhen, vor allem im Mittelstand. Doch die ersten Erfolge scheinen ermutigend und das Interesse an der Blockchain-Technik wächst.

Wie das Konzept einer Blockchain-Lösung für den deutschen Mittelstand mit Datenschutz „Made in Germany“ aussehen könnte, hat das DATEV Lab gemeinsam mit der Deutschen Telekom erarbeitet. Die beiden Unternehmen konnten im Rahmen ihrer Zusammenarbeit auf geballtes Wissen zu kaufmännischen und regulatorischen Prozessen auf der einen Seite sowie zu ITK-Infrastrukturen und technologischen Plattformen auf der anderen Seite zurückgreifen. Der entwickelte Prototyp ist eine simulierte Wertschöpfungskette. Sie umfasse neben der Lieferkette unter anderem die betriebswirtschaftlichen, regulatorischen und steuerrechtlichen Prozesse.

Die Qual der Wahl

Die zentrale Entscheidung bei der Entwicklung einer Blockchain-Lösung stellt die Wahl eines geeigneten Blockchain-Frameworks dar.

Quelloffener Frameworks gibt es zwar zu Genüge, aber auch die Stolperfallen sind zahlreich. Denn viele dieser Lösungen taugen nicht für den kommerziellen Einsatz. Gründe dafür gibt es viele: Mal ist es die mangelnde Skalierbarkeit (typisch für öffentliche Blockchains), mal der unzureichende Schutz vor Manipulationen (abhängig vom Konsensverfahren), mal die Unveränderlichkeit aufgezeichneter (Fehl)einträge (bisher der Regelfall), zu hoher Energieverbrauch (ein Problem beim PoW-Konsensverfahren), eine zu träge Konsensfindung (bei öffentlichen Blockchains) — diese Liste scheint kein Ende nehmen zu wollen. Diese und andere Unzulänglichkeiten der Plattformen erschweren den KMUs die Implementierung eigener Lösungen auf Blockchain-Basis.

Ausgeglichen: Die von KPMG im Jahre 2019 befragten deutschen Investmentmanager sehen die Chancen und Risiken der Blockchain-Technologie etwa im Gleichgewicht.
Ausgeglichen: Die von KPMG im Jahre 2019 befragten deutschen Investmentmanager sehen die Chancen und Risiken der Blockchain-Technologie etwa im Gleichgewicht.
(Bild: KPMG)

Vier von zehn deutschen mittelständischen Industrieunternehmen beschäftigen sich „intensiv“ mit der Blockchain-Technologie, stellte eine Studie der Rheinischen Fachhochschule Köln unter der Leitung von Prof. Kai Buehler vergangenes Jahr fest. Das größte Einsatzpotenzial sehen die Mittelständler in der Prozessoptimierung im Bereich der Automation durch Smart Contracts und in der sicheren Transaktionsabwicklung.

Allgemein gültig: Potenzielle Vorteile der Blockchain-Technologie im Überblick.
Allgemein gültig: Potenzielle Vorteile der Blockchain-Technologie im Überblick.
(Bild: Bitkom)

Die neueste Bitkom-Studie hat bestätigt: Zwar existieren durchaus einige Pilotprojekte, doch von einer flächendeckenden Verbreitung der Blockchain-Technik im deutschen Mittelstand kann noch lange keine Rede sein.

Die deutsche Wirtschaft sehe dennoch „große Chancen in der Blockchain“, ließ der Branchenverband Bitkom e.V. noch im Vorfeld des Digital-Gipfels der Bundesregierung im November 2018 verlauten. Der Branchenverband warnte zugleich, dass die Entscheider zögern würden, „die Technologie im eigenen Unternehmen einzusetzen“. Das scheint sich tatsächlich zu bestätigen. Zu den größten Hindernissen zählten „fehlende Anwendungsfälle, der Mangel an Blockchain-Experten sowie rechtliche Unsicherheiten“.

Fazit

Für den Mittelstand ist es an der Zeit, zu handeln. Denn wer (noch) nicht weiß, nach welchen Regeln das neue Spiel gespielt wird, läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. Nur wer sich mit den Grundprinzipien der Blockchain-Technologie bereits vertraut gemacht hat, kann sich an den Verhandlungstisch wagen.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

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