Potenzial der Tokenisierung in der Finanzbranche Blockchain revolutioniert Handel mit alternativen Vermögenswerten

Autor / Redakteur: Graeme Moore / Peter Schmitz

Mit jeder neuen Technologie, die das Potenzial hat, alte Methoden zu revolutionieren oder gar völlig zu ersetzen, verändern sich die Erwartungen der Nutzer, insbesondere in Bezug auf Kosten und Geschwindigkeit. Kosten und Zeitersparnisse sind zweifellos von Vorteil, doch ist diese Art Innovation vorhersehbar und wenig revolutionär. Damit Technologie eine echte Revolution darstellt, muss sie sich darauf konzentrieren, das, was bisher nicht möglich war, Wirklichkeit werden zu lassen.

Die Blockchain bietet ungeahnte Möglichkeiten beim Handel mit alternativen Vermögenswerten und verspricht nicht weniger als die Finanzbranche nachhaltig zu verändern.
Die Blockchain bietet ungeahnte Möglichkeiten beim Handel mit alternativen Vermögenswerten und verspricht nicht weniger als die Finanzbranche nachhaltig zu verändern.
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Unternehmen wie Uber, Facebook oder auch Twitter kommen einem in den Sinn. Zu Beginn des Internetzeitalters konnte sich niemand Unternehmen dieser Art vorstellen, oder die Art und Weise, vorhersehen, wie sie das Internet einmal gestalten und beeinflussen würden. Dank ihnen haben Nutzer nicht einfach nur Zeit und Geld gespart, sondern sie haben auch völlig neue Branchen geschaffen und die Art und Weise, wie Menschen miteinander interagieren, verändert. Dieses Denken muss auch bei der Entwicklung von Technologien wie Blockchain angewendet werden, welche Anlegern Möglichkeiten bieten kann, die weit über offensichtliche Anwendungsfälle, wie Kryptowährungen, hinausgehen.

Mehr als Zeit- und Kosteneinsparungen

Die meisten Arten von Vermögenswerten könnten vor allem von den schnelleren Verarbeitungszeiten und niedrigeren Transaktionskosten der Blockchain-Technologie profitieren. Jedoch hindert die Betrachtung aus einer reinen Kosten-Nutzen-Perspektive Anleger daran, das volle Potenzial der Tokenisierung zu erkennen und auszuschöpfen, insbesondere wenn es um alternative Vermögenswerte geht. Dabei müssen sie über den Tellerrand hinausblicken, und nicht nur die Vorteile hinsichtlich Kosten- und Zeitersparnis betrachten. Stattdessen sollten sie sich darauf konzentrieren, wie Blockchain eine völlig neue Welt von Investitionsmöglichkeiten eröffnen kann, die es in traditionellen Märkten zuvor nicht gab.

Es gibt Klassen von Vermögenswerten – wie Immobilien, Umsatz­beteiligungs­vereinbarungen und Kunst – die für die meisten Anleger zuvor einfach keine Option darstellten. Diese alternativen Vermögenswerte sind von Natur aus weniger liquide als herkömmliche Anlagewerte (z.B. Aktien). Der Handel und Verkauf mit Assets dieser Art ist häufig mit einem langen oder komplexen Verarbeitungsprozess verbunden, was sie für Anleger unattraktiv macht. Hier haben Sicherheitstoken eine echte Chance, die Branche grundlegend zu verändern, anstatt sie nur zu verbessern. Sie sind in der Lage, diese normalerweise illiquiden Anlagen „liquider“ und damit für Anleger deutlich interessanter zu machen. Sie ermöglichen zudem den schnellen und einfachen Handel mit Anlagevehikeln, wie beispielsweise Revenue Sharing-Vereinbarungen, die in der Vergangenheit so gut wie nie gehandelt wurden.

Es wird extrem spannend zu beobachten, wie völlig neue Anlageklassen (programmatische Derivate, NFT-ähnliche Wertpapiere usw.) entstehen, die nur aufgrund von Blockchains existieren können. So wie es noch in den 80ern fast unmöglich war, Uber und Facebook vorherzusagen, die heute, im Nachhinein betrachtet, ganz offensichtlich scheinen, wird es auch unternehmungslustige Entwickler geben, die neue Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie und brandneuen Anlageklassen gestalten werden. Wir stehen noch immer erst am Anfang.

Blockchain unterstützt Immobilienmarkt, Revenue Sharing und mehr

Ein interessanter Anwendungsfall, der die Innovation veranschaulicht, die die Blockchain der Finanzwelt bringen kann, ist Revenue Sharing. Vereinbarungen dieser Art sind relativ selten und keine davon wird auf einem funktionierenden Sekundärmarkt gehandelt. Gerade in der Anfangsphase, in der sich ihr Unternehmen noch in Aufbau befindet, würden viele Gründer solch eine Vereinbarung dem Verzicht auf Eigenkapital vorziehen. Doch sind sie, aufgrund mangelnder Liquidität und den Schwierigkeiten, mit denen der Handel solcher Assets verbunden ist, für potenzielle Anleger eher unattraktiv. Durch eine Tokenisierung dieser Vereinbarungen könnten Gründer möglicherweise über zentralisierte oder dezentralisierte Börsen Liquiditätspools finden – was sie für Investoren deutlich attraktiver macht.

Dies beschränkt sich nicht nur auf die Umsatzbeteiligung. Auch Immobilien gehören zu den alternativen Vermögenswerten, die unter den traditionellen Marktkräften leiden und von einer Tokenisierung profitieren könnte. Transaktionen von Immobilien können sich über einige Zeit, oft Monate, ziehen und sind mit vielen vertragliche Komplexitäten verbunden. Der Verkauf von Immobilien auf traditionellen Märkten wird dadurch erheblich erschwert. Tatsächlich können heutzutage Anleger auf traditionellen Märkten meist nur noch Vermögenswerte wie einen branchenspezifischen Immobilieninvestmentfonds kaufen. Der Kauf hochwertiger Immobilien ist für den typischen Privatanleger nicht möglich. Durch die Tokenisierung werden Immobilien jedoch zu einem weitaus besseren Vermögenswert für Investoren, da Transaktionen fast sofort und ohne komplexe Vertragsverhandlungen abgewickelt werden können. Sicherheitstoken ermöglichen es Anlegern im Rahmen von Spread Betting sehr gezielt auf bestimmte Immobilien-Assets zu setzen – etwas, das vorher nicht machbar war. Stellen Sie sich die Zukunft vor, in der die Cashflows und das Eigentum an jeder Wohneinheit, jedem Lager, jeder Büroeinheit, jeder Einzelhandelseinheit und jedem Grundstück durch ein Token gekennzeichnet sind. Privatinvestoren könnten in Zukunft gezielt Wohneinheiten in New York, mit Blick auf den Central Park, investieren. Das ist heute, wo der durchschnittliche Investor mit eigenem Fremdkapital nur in eine Wohneinheit oder in einen REIT (Real Estate Investment Trust) investieren kann, der mehrere Wohnungen umfasst, unmöglich.

Die Zukunft alternativer Vermögenswerte

Marktteilnehmer wie Anwälte, Transferagenten und Broker-Dealer werden, genau wie auf traditionellen Märkten, auch für alternative Transaktionen in der Blockchain benötigt. Der Gesamtprozess wird jedoch so vereinfacht, dass der Handel mit komplexen alternativen Vermögenswerten zum ersten Mal praktikabel ist. In der Vergangenheit überwogen die Kosten und Komplikationen bei weitem die Vorteile, die diese Assets den Anlegern erbrachten. Blockchain senkt die Eintrittsbarriere für Vermögenswerte dieser Art grundlegend.

Langfristig bedeutet dies, dass für viele Anleger erstmals neue Klassen alternativer Vermögenswerte verfügbar sein werden. Durch diese Entwicklung könnte nicht nur eine Erhöhung des Kapitalrendite-Potenzial und der Diversifikations­möglichkeiten erreicht werden. Sie hat auch das Potenzial den Handel mit neuen Arten von Assets auf Sekundärmärkten zu ermöglichen. Dadurch ließe sich auch die typische lange Haltedauer dieser Vermögenswerte verkürzen. Darüber hinaus erhalten Gründer und CEOs neue Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung, wobei Vermögenswerte wie Revenue Sharing für potenzielle Investoren eine zunehmend attraktivere Option darstellen. Tokenisierung kann, richtig angewendet, die Finanzbranche nachhaltig verändern und dazu beitragen, dass die Popularität alternativer Vermögenswerte wächst. Es ist Zeit, dass die Branche dies zur Kenntnis nimmt.

Über den Autor: Graeme Moore ist Leiter Tokenisierung bei Polymath.

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