Suchen

Zur Kasse bitte! Blockchain-getriebene Geschäftsmodelle

| Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Martins / Peter Schmitz

Der globale Marktwert von Blockchain-Geschäftsmodellen soll bis zum Jahre 2024 die stolze Marke von 7,74 Milliarden USD überschritten haben, prognostiziert Grand View Research. Die disruptive Natur dieser neuen Geschäftsmodelle macht sich für viele der alteingesessenen Marktakteure bereits schmerzhaft bemerkbar.

Neue Geschäftsmodelle bringt die Blockchain. Disruption hängt in der Luft.
Neue Geschäftsmodelle bringt die Blockchain. Disruption hängt in der Luft.
(© Guilherme Yukio - stock.adobe.com)

Blockchainerisierte Geschäftsmodelle rütteln gerade unter anderem an den Säulen der Versicherungswirtschaft. So zum Beispiel LaaS (License as a Service), eine Art „Franchising“ des digitalen Zeitalters.

Bei LaaS ist von einer Software-Engine zur Vergabe von Lizenzen die Rede. Der Anbieter einer LaaS-Lösung stellt seinen Kunden eine schlüsselfertige, sofort einsatzbereite Lizensierungsplattform bereit. Der Nutzer dieser Plattform, ebenfalls ein Unternehmen, bezahlt dem Anbieter eine monatliche oder jährliche Gebühr für das Recht, über diese Lizensierungsplattform eigene Produkte, typischerweise Software oder API-Zugang, zu vermarkten.

Die Decentralized Insurance Foundation (DIF) aus München entwickelt mit Etherisc eine eben solche dezentralisierte Technologieplattform für die Versicherungswirtschaft und avisiert dabei die Umsetzung eines License-as-a-Service-Geschäftsmodells.

FinTech-Startups in Deutschland: Nach einem leichten Dämpfer der letzten zwei Jahre nimmt das Fintech wieder Fahrt auf (die roten Pfeile: Jahresende 2019).
FinTech-Startups in Deutschland: Nach einem leichten Dämpfer der letzten zwei Jahre nimmt das Fintech wieder Fahrt auf (die roten Pfeile: Jahresende 2019).
(Bild: Comdirect)

Die DIF-Stiftung möchte den Zugang zum Markt für Rückversicherungsinvestitionen demokratisieren und die massiven Ineffizienzen aus der Vertragsabwicklung in diesem Marktsegment ausmerzen. Die gesamte Vertragsabwicklung, von der Datenerfassung und Risikobewertung über den Vertragsabschluss bis hin zur eventuellen Auszahlung der Versicherungsansprüche erfolgt bei Etherisc auf Autopilot: auf der Basis algorithmischer Entscheidungen verteilter Software.

Eine ähnliche Plattform hat bereits der P2P-Versicherer Lemonade aus New York umgesetzt, ebenfalls auf Blockchain-Basis. Doch Lemonade setzt auf das althergebrachte Geschäftsmodell eines Versicherers, zwar mit viel Erfolg, aber immerhin. Im Gegensatz dazu möchte die DIF nicht bloß selbst Versicherer sein, sondern vielmehr die eigene Plattform nach dem LaaS-Geschäftsmodell für andere Unternehmen öffnen.

DIF fokussiert derzeit auf die sogenannte parametrische Versicherung, basierend auf einer dynamischen Risikobewertung anhand kontinuierlicher Datenflüsse aus der realen Wirtschaft.

Als zusätzlichen Standfuß hat die DIF die Kapitalmärkte ins Visier genommen. Die „Tokenisierung“ von Rückversicherungsrisiken erlaubt es der DIF, sie als eine Anlageform auf einem offenen Marktplatz anzubieten und so zu monetarisieren. Etherisc zufolge unterliegen alle Aktivitäten des Unternehmens der Aufsicht zuständiger Regulierungsbehörden.

Mit Flight Delay hat das Etherisc-Team die weltweit erste voll einsatzfähige dezentralisierte Versicherungs-Dapp entwickelt. Mit Flight Delay können Etherisc-Nutzer im Falle von einer Flugverspätung ihre Versicherungsansprüche direkt nach der Landung geltend machen. Die Dapp basiert auf Ethereum. Das in München beheimatete Unternehmen hat sich inzwischen auch in der Schweiz niedergelassen.

Wenn die Blockchain „Musik macht“

Mit ihrer Bereitschaft, mit neuartigen Geschäftsmodellen zu experimentieren, legt die Musikindustrie nach Jahrzehnten der Stagnation mittlerweile ein halsbrecherisches Innovationstempo an den Tag. Vom Vertrags- bis hin zum Lizenzmanagement, von der Tokenisierung zur Kapitalbeschaffung via ein ICO (Initial Coin Offering), vom Event-Ticketing bis hin zur Erlösausschüttung an die Mitwirkenden und ihre Verwertungsgesellschaften: Unterhaltung bietet ein vielseitiges Betätigungsfeld für Blockchain-Vordenker.

Am Wendepunkt: Prognose des physischen und digitalen Musikvertriebs in Deutschland laut PwC in Mio. Euro.
Am Wendepunkt: Prognose des physischen und digitalen Musikvertriebs in Deutschland laut PwC in Mio. Euro.
(Bild: PwC)

Startups wie Ujo Music und SingularDTV sind dabei, mit Hilfe der Blockchain das klassische Geschäftsmodell einer Handelsplattform auf die gesamte Wertschöpfungskette der digitalen Musik- und -videoproduktion und -Distribution auszudehnen.

Ujo Music verankert sämtliche Informationen zu einem Musiktitel in der Blockchain. Identitäten der Songwriter, Producer, selbst die Marke der Instrumente sowie der zum Produktionszeitpunkt getrunkene Kaffee lassen sich darin zu Vermarktungszwecken aufzeichnen und mit Hilfe smarter Verträge auswerten. Smart Contracts auf Ethereum-Basis können nach dem Auftreten vordefinierter Ereignisse komplexe Handlungsfolgen ausführen (mit der Thematik der smarten Verträge setzt sich im Detail der Bericht „Die besten Blockchains für smarte Verträge“ auseinander).

Das Blockchain-basierte Entertainment-Studio SingularDTV möchte mit Hilfe der Ethereum-Blockchain die Rechteverwaltung in der Unterhaltungsindustrie in den Griff bekommen.

Die Vergütung von Künstlern auf althergebrachte Art und Weise ist mit dem Tempo einer digitalisierten Wirtschaft inkompatibel. Manuelle Abrechnungsverfahren durchlaufen die Hände unzähliger Mittelsmänner und -Frauen der Unterhaltungsbranche. Die Blockchain kann es richten.

Die SingularDTV-Plattform ermöglicht es Künstlern, Projekte von der Entwicklung über die Finanzierung bis hin zum Vertrieb via Peer-to-Peer-Distribution zu verwalten. Die Blockchain-basierte Lösung koordiniert die kontinuierliche Ausschüttung von Zahlungsflüssen an die berechtigten Projektteilnehmer unter Verwendung von sogenannten „smarten Verträgen“ (siehe dazu den Bericht „Die besten Blockchains für Smarte Verträge“).

In Zusammenarbeit mit Centrality, einem neuseeländischen Wagniskapital-Produktionsstudio, entwickelt das Unternehmen Blockchain-gestützte Endbenutzeranwendungen zur Einbindung in die SingularDTV-Plattform für eine nutzungsbedingte Ausschüttung von Honoraren. Das integrierte DRM-System soll mit Hilfe von Tokens (einer plattformspezifischen Kryptowährung) die faire Nutzung der künstlerischen Werke sicherstellen. Apps wie Skoot (ein Markplatz für Reiseerlebnisse), Belong (eine Mitarbeiter-Engagement-Plattform) und Pocket Vouchers (eine Lösung zur Echtzeitanalyse der Nutzung von Gutscheinen im Einzelhandel) basieren auf Softwarecode von Centrality.

Ujo Music ist eine Tochter des Ethereum-Pioniers ConsenSys AG. Die SingularDTV aus dem Crypto Valley im Schweizer Kanton Zug nennt die ConsenSys AG als einen Projektpartner. Das Bindeglied beider Projekte hat eine Niederlassung in Berlin und eine in Zug.

An eigenen Blockchain-Plattformen zur Verwaltung von digitalen Werken in der Musikindustrie arbeitet auch Startups wie der Musikstreaming-Dienst PeerTracks und Viberate. Bei allen diesen Marktakteuren spielen smarte Verträge die erste Geige.

Bei PeerTracks zeichnen smarte Verträge auf, wer welche Rechte an einem Lied hat, unter welchen Bedingungen es abgespielt werden darf und wie die Erlöse zu verteilen sind. Mit jedem Verkauf eines Lieds kann der smarte Vertrag die Beträge automatisch ausrechnen und an die beteiligten Künstler und sonstige Rechteinhaber ausschütten – ganz ohne die Beteiligung von Intermediären, die so auch nicht mehr die Hand aufhalten können. So kann PeerTracks die Gebühren für Urheber- und Leistungsschutzrechte dann per Mikrozahlung abwickeln. Unternehmen wie auch Privatpersonen zahlen nur für ihre tatsächliche Nutzung. Nach jedem Abspielvorgang zahlt PeerTracks die Künstler automatisch mithilfe von Smart Contracts aus, direkt und ohne Verzögerung. Die Blockchain macht es möglich.

Die Zimrii Music Platform befolgt eine ähnliche Vision. Zusätzlich zu der Vermarktung von Musik bietet sie Künstlern Möglichkeiten der Wertschöpfung aus dem Verkauf von Merchandising.

Viberate hat eine Plattform geschaffen, welche Musiker, Booking-Agenturen und Veranstalter von Live-Auftritten unter Ausschluss sonstiger Vermittler zusammenbringt. Die Geschäfte werden via VIB abgewickelt, den plattformeigenen Token.

Totgesagte leben länger: The Return of Codius

Stefan Thomas, der in Stuttgart studierte Wirtschaftsinformatiker, Gründer und CEO des disruptiven Startups Coil und ehemaliger CTO von Ripple, hat sich in der Blockchain-Gemeinde als ein Experte für Zahlungsabwicklung einen Namen gemacht. Mit der Gründung von Coil hat sich Thomas zum Ziel gesetzt, die Art und Weise, wie Webseiten ihre Inhalte monetarisieren, auf eine neue Basis zu stellen.

Die Monetarisierung von Web-Inhalten beruht bislang auf Prozeduren wie dem Verkauf von Anzeigeneinblendungen, der Vermarktung von Inhalten hinter Paywalls und der Verwertung von Nutzerdaten (die es zuvor eifrig und dennoch DSGVO-konform zu sammeln gilt).

Coil liegt eine Softwareplattform zu Grunde, die auf den Namen Codius hört. Codius war ein quelloffenes Projekt einer Smart-Contracts-Engine, die Thomas seinerzeit bei Ripple aufgebaut hatte. Jetzt will Thomas die Idee wieder neu aufgreifen. Codius setzt auf Interledger auf, eine Sammlung von offenen Protokollen zur Übertragung von Finanzmitteln zwischen ansonsten nicht interoperablen Blockchain-Netzwerken.

Reine Blockchain-Startups sollen andere Jungunternehmen der Fintech-Szene im Hinblick auf das Wachstum abgehängt haben. Ob sich die Diskrepanz auf eine höhere prognostizierte Rentabilität Blockchain-getriebener Geschäftsmodelle zurückführen lässt?.
Reine Blockchain-Startups sollen andere Jungunternehmen der Fintech-Szene im Hinblick auf das Wachstum abgehängt haben. Ob sich die Diskrepanz auf eine höhere prognostizierte Rentabilität Blockchain-getriebener Geschäftsmodelle zurückführen lässt?.
(Bild: Comdirect)

Auch Interledger wurde im Übrigen ursprünglich für Ripple entwickelt, um Zahlungen zwischen verschiedenen Hauptbüchern auszuführen. Zusammen sollen die beiden Technologien die Ausführung von Micropayments durch Webbrowser beim Besuch einer Website ermöglichen und Web-Publishern den Weg zu völlig neuen Geschäftsmodellen ebnen. Die Rückkehr von Codius hätte das Zeug dazu, den eingefrorenen Status Quo zu verändern.

In seinem neuen Projekt avisiert Thomas Anwendungsfälle wie einen smarten Vertrag für Erlösausschüttungen oder die Vermittlung personalisierter Inhalte.

Wenn Web-Besucher einen Film anschauen, würden Mikrozahlungen in eben diesen smarten Vertrag hineinfließen und so könnten die Erlöse auch automatisch an alle Mitwirkenden der betreffenden Filmproduktion ausgezahlt werden, und zwar nicht nur irgendwann, sondern nach und nach, während des Streamings.

Ein Codius-Smart-Vertrag könnte außerdem Interaktionen zwischen den Nachrichtensendern und ihren Lesern vermitteln, indem er die Berechtigungen und Abonnements der Leser verwaltet. So würde die Blockchain zum Vermittler werden; das hat selbst Thomas erkannt.

Viele Startups setzen von Anfang an einfach auf Ethereum als die mit Abstand bekannteste Smart-Contracts-Plattform. Dann aber, spätestens beim Erreichen der Produktionsreife, stoßen die betreffenden Lösungen auf Probleme der Skalierbarkeit und hohe Kosten der Transaktionsausführung.

Im Gegensatz zu Ethereum sei Codius laut Thomas entwicklerfreundlich konzipiert worden, indem es Code in praktisch jeder Programmiersprache einbinden könne, um etwa Daten von Außerhalb der Blockchain einzuholen und zu verarbeiten.

Fazit

Wer nichts wagt, gewinnt nichts.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

(ID:46335831)