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Die Transformation der Wertschöpfung Blockchain-gesteuerte Wertschöpfung

Autor / Redakteur: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins / Peter Schmitz

In der digitalisierten Wirtschaft wird die Wertschöpfung aktuell zum Drahtseilakt. Einfach weitermachen wie bisher ist ein Luxus, den sich nur die wenigsten Firmen noch leisten können. Der globale Wettbewerbsdruck macht vor gar nichts halt. Die gute Nachricht: Die Blockchain wird zum neuen Antriebsmotor der Wertschöpfung!

Innovative Blockchain-Startups schaffen radikal transformative Instrumente der Wertschöpfung. Das Rennen um die besten Implementierungen hat begonnen.
Innovative Blockchain-Startups schaffen radikal transformative Instrumente der Wertschöpfung. Das Rennen um die besten Implementierungen hat begonnen.
(© monsitj - stock.adobe.com)

Nach Schätzungen von Gartner soll Blockchain-Technologie bis zum Jahre 2030 circa 3,1 Billionen US-Dollar an neuer Wertschöpfung pro Jahr generieren. Da die Technologie jedoch voraussichtlich bereits in den kommenden drei Jahren (bis 2023) in den Mainstream der Geschäftswelt Einzug halten dürfte, sollten Unternehmen die Technologie „jetzt untersuchen“, drängt Gartner.

Bis 2025 soll die globale Wertschöpfung der privaten Wirtschaft dank der Blockchain auf nahezu 152 Mrd. Euro heranwachsen, so Dr. Martin Eisenhut, Partner und Zentraleuropachef der Managementberatung A.T. Kearney fest.

Eisenhut sieht das Thema Blockchain unter anderem auch als Bindeglied von Unternehmensprozessen. „Blockchain kann Vertrauen zwischen den verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette schaffen, die heute noch nicht vernetzt sind“, so der Digitalexperte weiter. „Das bietet unglaubliche Zukunftspotenziale“, resümiert er.

Neue Möglichkeiten der Monetarisierung von Vermögenswerten könnten für etablierte Unternehmen aber auch eine Gefahr darstellen, warnt das Analystenhaus PwC in einem aktuellen Whitepaper.

Unternehmen, die einen laserscharfen Fokus auf den Kunden legen und mit kontinuierlichen Prozessverbesserungen verbinden, setzen zunehmend auf die Blockchain.

Der erste Schritt: Unwirtschaftlichkeiten ausmerzen

Betriebliche Ineffizienzen erschließen sich nicht automatisch einer Analyse der Geschäftskennzahlen und doch können sie die betroffenen Unternehmen langfristig belasten.

Blockchain-gestützt ist Blockchain-geschützt: Temperaturkontrollierte Logistik der SkyCell AG entwickelt sich zum Selbstläufer.
Blockchain-gestützt ist Blockchain-geschützt: Temperaturkontrollierte Logistik der SkyCell AG entwickelt sich zum Selbstläufer.
(Bild: SkyCell)

Die SkyCell AG, ein Unternehmen der Smart Containers Group, stellt ihren Kunden temperaturkontrollierte Container für die Luftfracht-Beförderung von Pharmazeutika und ähnlich sensiblen Waren bereit. Ohne eine durchgängige Temperaturkontrolle würden teilweise bis zu 25% der sensiblen Lieferungen beim Empfänger unbrauchbar ankommen. Die IATA (International Air Transport Association) beziffert die globalen Verluste auf 35 Milliarden USD pro Jahr.

In der Lebensmittelindustrie ist der Verschnitt sogar noch höher: zwischen 30 und 40 Prozent des Warenwertes. Um etwaige Schäden durch die Temperaturschwankungen der konventionellen Transportkette zu minimieren, werden viele Fruchtsorten noch grün geerntet und während der Fracht mit chemischen Mitteln künstlich auf die Schnelle „gereift“. FoodGuardians, ebenfalls ein Unternehmen der Smart Containers Group, möchte die logistischen Ineffizienzen aus der Lebensmittelversorgungskette ausmerzen. Die „Blockchainerisierung“ der Container senkt die ansonsten erheblichen Administrationskosten der globalen Nachverfolgung von Fracht für alle relevanten Messwerte. Mit Hilfe der Blockchain sammelt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge mehr als eine Milliarde Datenpunkte pro Jahr.

Überschüssige Kapazitäten sind noch vergleichsweise leicht zu erkennen, etwa in der IT, in der Produktion oder Logistik. Und weiter? Die Kunst besteht nicht darin, sie zu erkennen, sondern vielmehr zu verwerten. Das war ja bisher nicht sinnvoll möglich.

Einige Startups der Blockchain-Szene haben sich vorgenommen, ungenutzte Ressourcen als eine neue Quelle der Wertschöpfung zu erschließen.

Storj Labs, Inc. (ausgesprochen wie „storage“), ein Startup aus dem US-Bundesstaat Georgia möchte mit dem Dienst Tardigrade Cloud-basierten Datenspeicher neu erfunden haben. Die Storj-Plattform erlaubt es Computer-Besitzern wie auch Datencenterbetreibern, den ungenutzten lokalen Speicher an andere Gemeindemitglieder zu vermieten oder alternativ denselben Speicherplatz für eigene Sicherheitskopien kostenfrei zu nutzen. Zahlreiche ausgeklügelte Vorkehrungen sollen eine hohe Datensicherheit gewährleisten. So wird etwa jede Datei wie im Aktenvernichter in zahllose Teile aufgesplittet, jeweils separat verschlüsselt und redundant über das P2P-Netzwerk verteilt. Diese Art der Datensicherung resultiert in einer hohen Zugriffsgeschwindigkeit bei sehr niedrigen Kosten. Im Vordergrund stehe laut dem Anbieter die höchste Datensicherheit. Das Projekt durchlief zahllose Beta-Versionen und soll in den kommenden Wochen Produktionsreife erreichen.

Die Storj-Plattform ist so eingerichtet, dass sogar der Ausfall mehrerer einzelner Speicherorte an den betreffenden Daten keinen Schaden anrichten kann. Über den Aufenthaltsort der Daten führt Storj Buch in der Blockchain. So kann sich aus den verteilten Sicherheitskopien nur der legitime Besitzer „einen Reim machen“. Das Unternehmen brüstet sich mit einer beachtenswerten Hochverfügbarkeit von 99,99999 Prozent, on par mit einem Datencenter.

Ein Blick ins Crypto Valley Directory, ein Verzeichnis Schweizer Blockchain-Startups.
Ein Blick ins Crypto Valley Directory, ein Verzeichnis Schweizer Blockchain-Startups.
(Bild: CV VC AG)

Das Golem Project, ein Startup der Schweizer Blockchain-Szene und Mitglied der Blockchain-Gemeinde von Crypto Valley Labs in Zug, kann ungenutzte Compute-Ressourcen seiner Mitglieder anzapfen, um die überschüssige Rechenleistung von IT-Systemen — sei es einzelner Desktop-PCs oder ganzer Datencenter — zu aggregieren. So entsteht ein dezentralisierter, massiv parallelisierbarer Supercomputer. Dank der geballten Rechenleistung der Netzwerkteilnehmer ist das System in der Lage, höchst anspruchsvolle Workloads wie Rendering oder maschinelles Lernen kosteneffizient auszuführen.

Dem Geschäftsmodell von Golem und Storj liegt derselbe Gedanke zugrunde: Blockchain-Technologie kann die produktive Auslastung aggregierter Ressourcen gewährleisten und so neue Werte schaffen.

Die beiden Startups tragen jenseits ihrer Blockchain-Geschäftslogik weder Investitions- noch Betriebskosten. Denn die IT-Systeme, die sie weitervermieten, brauchen ihnen nicht zu gehören; sie werden ja von den Netzwerk-Mitgliedern beigesteuert. Die Teilnehmer der Plattform tragen außerdem auch die Stromkosten und das Ausfallrisiko; im Gegenzug kommen ihnen garantierte Umsatzströme aus sonst wertlosen Vermögenswerten zu Gute.

Die beiden Startups verdienen anteilsweise an dem Gesamtvolumen der produktiven Nutzung zuvor ungenutzter. So entsteht innovative Wertschöpfung der besonderen Art.

Liquidität aus Vermögenswerten schöpfen

Das FinTech-Startup Lykke AG möchte die Vision eines globalen Marktplatzes auf Blockchain-Basis verwirklichen und nimmt gleich alle Vermögensklassen ins Visier, ob Aktien, Devisen, Verbindlichkeiten oder Immobilien – und beliebige andere.

Das aktuelle Wirtschaftssystem weise monumentale Ineffizienzen auf, argumentiert Richard Olsen, der Gründer von Lykke. Die Marktmechanismen würden nicht wirklich reibungslos funktionieren und so hätten die Preise aus seiner Sicht den Bezug zu betriebswirtschaftlichen Realitäten verloren.

Mit Hilfe der Blockchain-Technologie ließe sich aus seiner Sicht nicht nur die Liquidität von Vermögenswerten erhöhen, sondern interessanterweise auch eine niedrige Marktvolatilität sicherstellen. Diese beiden Ziele hat sich die Lykke AG ja auch auf die Fahnen geschrieben.

Lykke soll Menschen den Zugang zu Finanzmärkten in einem Umfang eröffnen, den bisher praktisch nur Hedge-Fonds der Weltspitze genießen konnten. Neue Märkte schaffen. Olsen weiß, wovon er redet: Der studierte Jurist und promovierte Wirtschaftswissenschaftler, Finanzmarktforscher und selbst ehemaliger FX-Trader hatte Mitte der Neunzigerjahre Oanda, Inc. mitgegründet, die erste vollautomatisierte Devisenhandelsplattform der Welt, und führte sie zum Erfolg.

Lykke ist als ein Blockchain-gestütztes, gebührenfreies Trading-Ökosystem und eine Crowdfunding-Plattform konzipiert. Der Handel von Vermögenswerten erfolgt dank der DLT-Technik ohne Makler-Kommission bei niedrigen Spreads und garantierter, sofortiger Transaktionsabwicklung. Die Vermögenswerte gehen unmittelbar nach Abschluss in den direkten Besitz des Käufers über. Der Leerverkauf von Vermögenswerten basiert auf dem Token ShortLyCI.

Olsen avisiert Margin-basiertes Trading über alle Asset-Klassen hinweg, einen Service für Box-Spread- und andere komplexe Options-Arbitrage-Strategien sowie einen Kreditaufnahme- und -Vergabedienst auf der Basis eines neuen Modells von Wertpapieranleihen.

Für die Marktherstellung möchte das Unternehmen vorzugsweise eigene Mittel einsetzen, denn so ließe sich das Ertragspotenzial maximieren. Bei den Investitionsprodukten würde Lykke seine Umsätze u.a. über eine Performancegebühr, Liquiditätsbereitstellung, Token-Emissionen, White-Labeling und B2B-Beratung erwirtschaften. Die Melonport AG hat es sich vorgenommen, das Fondsmanagement digitaler Vermögenswerte mit Hilfe „technologieregulierter“ Investmentfonds zu demokratisieren.

Hedge-Fonds als Vehikel blockchainerisierter Wertschöpfung

Dank Melon, einer dezentralisierten Softwareinfrastruktur von Melonport auf der Basis „blockchainerisierter“ smarter Verträge und der Coin Melon (MLN), soll nahezu jeder Einzelne dazu befähigt werden, einen eigenen Investmentfonds aufzusetzen und mit dieser Anlageform neue Möglichkeiten für Kapitalwachstum zu ergründen. Die Technologie soll Kosten senken und Investitionssicherheit schaffen. Um Missbrauch zu verhindern, kann der aspirierende Fondsmanager nur im Rahmen der existierenden smarten Verträge handeln.

Die Melon-Plattform entsteht in Zusammenarbeit mit der Blockchain-Schmiede Parity Technologies zuvor unter dem Namen Ethcore bekannt), den Unterbau bilden Polkadot und Ethereum. Die Plattform soll nach Fertigstellung in den Besitz der Gemeinde übergehen. Das Unternehmen plant, sich danach unter anderem dem Consulting, dem Schlüsselmanagement und der Entwicklung maßgeschneiderter Lösungen der Enterprise-Klasse zu widmen.

Höhere Margen, mehr Umsatz: „blockchainerisierte“ Preisfindung per Algorithmus

Algorithmische Preisfindung eröffnet Handelsunternehmen wie auch Dienstleistern den Weg zur bedarfsgerechten Umsatzmaximierung in Echtzeit, sofern sie an den richtigen Stellschrauben gekonnt drehen. Das FinTech-Startup Bancor möchte mit diesem Ansatz das Liquiditätsproblem von Kryptowährungen mit Hilfe eines eigenen Tokens namens BNT entschärft haben.

Die Smart-Token-Plattform der israelischen Bancor kann laut Anbieter die Liquidität von Tokens am Marktplatz unabhängig vom Handelsvolumen auf der Basis einer mathematischen Formel gewährleisten. Der Wert einer Kryptowährung lässt sich demnach durch die Bindung einer garantierten Reserve mit Hilfe eines smarten Vertrages algorithmisch ermitteln; auf dieser Grundlage könne die Bancor-Plattform Kauf- und Verkaufsgebote automatisch erfüllen.

Das Konzept maximiert die finanzielle Verfügungskraft von Tokens im Rahmen des Ökosystems der Bancor-Blockkette. Eine höhere Liquidität schafft für die Beteiligten neue Potenziale.

Fazit

Innovative Blockchain-Startups schaffen radikal transformative Instrumente der Wertschöpfung. Das Rennen um die besten Implementierungen hat begonnen. Ob sich diese Ansätze tatsächlich wie ein Lauffeuer ausbreiten oder auf regulatorischen Widerstand stoßen, wird sich erst noch erweisen müssen.

Über die Autoren: Anna Kobylinska und Filipe Pereira Martins arbeiten für McKinley Denali Inc. (USA).

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